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Wunderschöne Ansichten der Klassikerstadt - gezeichnet von Gerhard Klein (3. Aufl. 2010, erschienen im Bertuch Verlag).
Wieland in Weimar und Oßmannstedt

Wieland in Weimar und Oßmannstedt

Tiffany Tabbert

„Ich besuchte also Wieland, zu dem ich durch ein Gedränge kleiner und immer kleinerer Kreaturen von lieben Kinderchen gelangte." (Schiller 24. Juli 1787 an seinen Freund Körner).
1772 kam Christoph Martin Wieland nach Weimar. Der Dichter, der die Jahre zuvor an der Universität zu Erfurt als Philosophieprofessor tätig war, wurde von Herzogin Anna Amalia als Prinzenerzieher verpflichtet. Knapp drei Jahre unterrichtete er Erbprinz Carl August und seinem Bruder Constantin in Philosophie und anderen Fächern. Hierfür sollte Wieland 1000 Taler Gehalt und ab 1775 eine lebenslange Pension von 600 Talern erhalten. Carl August erhöhte jedoch die Pension seines Lehrers auf 1000 Taler, unter der Bedingung, dass dieser bis an sein Lebensende in Weimar bleiben sollte. 
 
Wieland (1733-1813) war allerdings nicht nur als Lehrkraft und Erzieher tätig. Nebenher gab er eine der bedeutendsten Literaturzeitschriften seiner Zeit heraus: Den Teutschen Merkur. Hier veröffentlichte er Rezensionen, unter anderem Texte und Abhandlungen zur deutschen Opernkultur, seine Opernlibretti Alceste und Die Wahl des Herkules, sowie die Theatralischen Nachrichten aus Weimar. Aber auch politische, kulturelle, theologische, naturwissenschaftliche, rechtwissenschaftliche und geschichtliche Themen fanden im Teutschen Merkur Platz. Tatsächlich nutze Wieland seine finanziellen Mittel um die Weimarer Kulturlandschaft zu unterstützen, z. B. konnte man das Theater zu dieser Zeit kostenlos besuchen, es galt als eine frei zugängliche Bildungsstätte. 
Teil der früheren Hofanlage heute: Wielandschule
Teil der früheren Hofanlage heute: Wielandschule
1797 zog sich der Familienvater mit seiner Frau Anna Dorothea, die er 1765 geheiratet hatte und mit der er vierzehn Kinder zeugte, von denen leider fünf bereits im Kindesalter verstarben, aus der Residenzstadt zurück und lebte fortan auf einem Landsitz in Oßmannstedt, zwei Kutschfahrtstunden von Weimar entfernt. Heute fährt man die 10 Kilometer vom Weimarer Stadtschloss mit dem Rad in knapp einer halben Stunde, zu Fuß bräuchte man über die Dörfer Kromsdorf und Tiefurt genau so lang wie damals mit der Kutsche. 
 
Das Oßmannstedtsche Gut wurde 1756 von Heinrich Reichsgraf von Bünau erworben. Der Reichsgraf hatte eigentlich eine neue Schlossanlage geplant, dazu kam es allerdings nie, da er im Jahre 1762 verstarb. Zwischen 1762 und 1775 diente das Gut Herzogin Anna Amalia und ihren beiden Söhnen als Sommeraufenthalt. Danach hielt sich der Jenaer Philosophieprofessor Johan Gottlieb Fichte in Oßmannstedt auf um seine Wissenschaftslehre fertig zu schreiben. Schließlich erwarb es Wieland im März 1797 für 22.000 Taler und bewirtschaftete es bis ins Jahr 1803. Unter den großen Weimarer Schriftstellern machte sich eine Natur- und Landverbundenheit breit: Fast zeitgleich kaufte Schiller sein Gartenhaus in Jena und Goethe haderte mit dem Erwerb eines Guts in Oberroßla. 
 
Wielands Kauf beinhaltete zusammen mit dem Gutshaus auch sämtliche andere Wirtschaftsgebäude, inklusive Schlossgarten mit 25 Acker Land und einem „Lustwäldchen", weiteren Wiesen und Ländereien, einem Obstgarten und die Befugnis zur Schafhaltung. Liebevoll nennt er seinen Besitz „Osmantinum", vielleicht in Anlehnung an Horaz Villa „Sabinum" (Wieland Lebenswerk war im hohem Maße von der Antike beeinflusst) oder Ciceros Gutshof „Tusculanum". 
Der Dichter war zweifellos ein Familienmensch. Der  Gutshof in Oßmanstedt bedeutet für ihn Ruhe, Rückzug aus der Residenzstadt und das Zusammenleben mit seiner großen Familie. Obwohl er im Alter von 64 Jahren noch einmal Landwirt werden wollte, arbeitete er in Oßmannstedt vor allem als Schriftsteller und Dichter. Das thüringische Landleben entpuppte sich als Inspirationsquelle für Wielands Kreativität. Während dieser Zeit brachte er sein umfangreichstes Werk, den Briefwechselroman „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen" und seine zweite Zeitschrift „Attische Museum" über große griechische Beiträge heraus (für seine Zuneigung zur griechischen Dichtung wurde er von vielen Seiten kritisiert, denn sie galt unter Dichtern und Schriftsteller der Romantik als eine überholte Theorie).
Obelisk für Wieland, seine Frau und Sophie Brentano
Obelisk für Wieland, seine Frau und Sophie Brentano
Nachdem bereits 1779 Wielands Tocher Dorothea starb (hierzu schrieb Wieland: „Ich hatte schon acht Jahre mit ihr gelebt, mich gewöhnt sie um mich zu haben, gewöhnt an den Gedanken, dass ich auf sie zählen könne, dass sie gewiss einst mir die Augen zudrücken werde. [...] ein schöner Traum."), ereilten den Schriftsteller Ende des 18. Jahrhunderts gleich zwei Schicksalsschläge. Nach einem Besuch von Wielands langjähriger Freundin und einstigen Verlobten Sophie La Roche und deren Enkelin Sophie Brentano, die zu dieser Zeit an schwerem Liebeskummer litt, entwickelte sich eine väterliche und sehr innige platonische Freundschaft zwischen der jungen Sophie und dem Schriftsteller. Wieland lud deshalb Brentano ein weiteres Mal nach Oßmannstedt ein. Tatsächlich reiste sie im Jahre 1800 erneut an. Wenig später erkrankte sie allerdings unerwartet und starb im Alter von 25 Jahren bei ihrem Besuch auf dem Rittergut. Sie wurde auf dem Grundstück an der Ilm beigesetzt. Ein Jahr später verstarb Wielands Ehefrau und Mutter zahlreichen Kinder Anna Dorothea. Sie war der Motor der Wirtschaft auf dem Hof und auch treibende Kraft der Familie. Damit war die Lebensfreude, die das Oßmannstedter Gut verbreitete, gebrochen. Wieland verkaufte das Anwesen 1803 für 32.000 Taler an den Hofrat Christian Johann Martin Kühne. Allerdings sicherte er sich das Recht nach seinem Tod neben Sophie Brentano und Anna Dorothea an der Ilm begraben zu werden. Heute ziert ein Obelisk mit einem Spruch die Gräber: Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben, und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein. 
 
Jedoch endet Wielands Leben nicht mit dem Kapitel Oßmannstedt. Er zog nach Weimar zurück, traf Napoleon und arbeitete noch weitere 10 Jahre an seinem Lebenswerk bis er kurz vor dem Jahreswechsel 1812/13 im Alter von 79 schwer erkrankte und im Januar 1813 verstarb.
Der Gutshof in Oßmannstedt ist bis heute erhalten und beherbergt unter anderem eine Forschungs- und Bildungstätte, die von der Klassik Stiftung Weimar in Auftrag gegeben wird. Zudem befindet sich in Oßmannstedt die Arbeitsstelle der Wieland-Edition, die an einer historischen Gesamtausgabe der Wieland Werke arbeitet. 
 
Auf dem Anwesen ist ebenso das Wieland-Museum beherbergt. Hier können Besucher die historischen Räume betreten, die zum Teil noch mit originalem oder restauriertem Interieur bestückt sind. Am Ilmufer können Grab und Denkmal besichtigt werden und der Park lädt auch heute noch zum verweilen ein.

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Bildquellen:

Vorschaubild, Wieland, gemeinfrei 

Teil der früheren Hofanlage heute: Wielandschule, Cindy Wiegand

Obelisk für Wieland, seine Frau und Sophie Brentano, Cindy Wiegand