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Heft 2

B-Z! Das ist nett! (Teil 1)

In diesem Arbeitsheft werden alle Konsonanten eingeführt, die sich beim Sprechen gut dehnen lassen. Dazu kommen noch einige Vokale (Zwie- und Umlaute).

Die Geschichte des Kasseturms

Die Geschichte des Kasseturms

Kasseturm - alt
Kasseturm - alt

Begonnen hatte es 1960, als Studenten der Bauhochschule Weimar auf der Suche nach einem neuen Domizil in der Stadt unterwegs waren. Der Turm, einst Wehranlage, wurde 1779 Eigentum der herzöglichen Kammer und Sitz der Landeskasse (seither der Name "Kasseturm"). Nutzungsmäßig eingebunden in Baulichkeiten des Frankeschen Hofes, diente er Bürozwecken einer Vermessungsanstalt, der Bezirkssteuerrevision des Schulamtes; sein unterstes Geschoss war ab 1936 Obst- und Gemüsekeller, 1941 bis 1945 Luftschutzkeller und danach wieder Lagerraum für Obst und Gemüse. Im Geschoss darüber hatte ein Händler seine Deponie für Gebrauchtmöbel eingerichtet. Hinsichtlich der massiven Baustruktur unverwüstlich, gleichsam für die Ewigkeit gebaut und daher allen Nachnutzungen widerstehend, hatte dagegen das Innere unter Verwahrlosung und Ruinierung durch Verschleiß wirtschaftender Nutzer erheblich gelitten.

So fanden ihn die Studenten vor, als sie einen Ersatz für den zu klein gewordenen "Club Zentra" in der Schützengasse suchten und den Kasseturm als einen ausbaufähigen Ort entdeckten. Die zeitlichen Möglichkeiten und auch das Bedürfnis nach neuer, sinnvoller Freizeitgestaltung waren bei den Studenten gewachsen, und die wenigen Gaststätten und Cafés in Weimar boten viel zu wenig Platz und waren wenig oder gar nicht geeignet, Kommunikations- und Geselligkeitsbedürfnisse der Studenten zu befriedigen. Durch die Einrichtung eines eigenen Clubs speziell nur für Studenten boten sich somit auch für die staatssozialistischen Instanzen, hier die FDJ-Hochschulleitung, die Möglichkeit, die angehende akademische Intelligenz von der Bevölkerung zu isolieren und etwaige Abweichungen von der "sozialistischen Linie" rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern.

Das zeigte sich u. a. auch an der Einlassordnung in DDR-Zeiten, wo geschrieben stand, dass der Zugang nur für Studenten und Hochschulmitarbeiter möglich war. Studenten und Besucher aus dem NSW (nichtsozialistischen Wirtschaftssystem) wurden, wenn überhaupt, nur nach Anmeldung bei der Hochschulleitung eingelassen.

Im Mai 1961 fasste die Hochschulleitung den Beschluss, ein geeignetes Gebäude in Weimar zum Studentenclub auszubauen. Der Kasseturm wurde von den Studenten in Besitz genommen, Um- und Ausbauplanungen erstellt. Und auch die Studenten waren es, die praktisch Hand anlegten beim Ausräumen, beim Entrümpeln, beim Neubau des Treppenhauses und der Toilettenanlage. Der Ausbau Kasseturm - innenerfolgte fast ausschließlich in freiwilliger, unentgeltlicher Arbeit; die bereitgestellten 68.000 Mark reichten bei weitem nicht, so dass jeder Student von seinem Stipendium 15 Mark spendete und am Ende eine zusätzliche Summe von 35.000 Mark und 20260 Stunden aufgebracht wurden.

Kasseturm - innen
Kasseturm - innen

Die eigentliche Bautätigkeit begann im Oktober 1961. Das alte Treppenhaus musste erneuert werden; dabei fand man übrigens im Keller einen Gang zum Nachbargebäude. Die Wandtreppen und einige Fensternischen waren zugemauert - auch sie wurden neu entdeckt.

Abenteuerlich gestaltete sich die gesamte Bauphase: von Toilettenpodesten, die auf falschen Höhen lagen bis hin zu übergroßen Trägern, die im wahrsten Sinne des Wortes „scheibchenweise" eingebaut werden mussten. Nach 15 Monaten Bauzeit war es dann endlich soweit, der Turm konnte am 18. Dezember 1962 nachmittags als ,FDJ-Studentenclub" eröffnet werden.

Die örtliche und bezirkliche Presse äußerte sich anerkennend; "DAS VOLK" erhob den Turm gleich zum originellsten Studentenclub der Republik. Zur Verfügung standen den Studenten nun ein Vortragssaal mit angrenzender Weinstube (der heutigen Bar), der Tanzsaal und der Bierkeller. Das Clubleben und -treiben konnte beginnen.

Das Bauen am alten Turm aber ging weiter: 1970 wurde eine oberflächenbehandelte, acht Zentner schwere Eingangstür installiert, die in der Werkstatt des Kunstschmiedes Fritz Kühn nach einem Entwurf von Achim Kühn gefertigt worden war. Überhaupt wurden Anfang der achtziger Jahre am Äußeren des Kasseturmes auf Initiative und mit maßgeblicher Beteiligung der Studenten bedeutende Arbeiten geleistet. Das Dach wurde vollständig neu eingedeckt, das gesamte Gebäude abgeputzt, neue Fenster unter Beachtung der historischen Fensterformen eingesetzt, und das ganze Werk mit einem turmspezifischen Wetterhahn gekrönt .Im Keller wurde eine elektrische Fußbodenheizung installiert; bei den Arbeiten dazu wurde auch wieder das Gerücht von einem zweiten Kellergeschoss lebendig.

Die Aufzählung dieser jahrelangen Bautätigkeiten kann kaum den richtigen Eindruck von den vielen Problemen und Mühen, mit denen sie verbunden waren, vermitteln. Nur die jeweils beteiligten Clubleute und Helfer wissen um die ungezählten Stunden Freizeit, die für die Erhaltung und den Ausbau des Turmes notwendig waren. Nur sie wissen um die Schwierigkeiten bei der Beschaffung der benötigten Materialien, Gerüste und Geräte in den Zeiten "sozialistischer Mangelwirtschaft".

Kasseturm bei Nacht
Kasseturm bei Nacht
Beobachter dieses Baugeschehens haben sich oft genug gewundert, wie es den Baustudenten gelang, in kürzester Zeit notwendiges Material zu beschaffen. Möglich wurde dies auch durch die Hilfe vieler alter Clubleute, die im Berufsleben über viele Beziehungen verfügten und dem Turm zugute kamen. Und da war natürlich das Engagement, der Wille, der bekanntlich Berge versetzen kann - auch Berge an Widerständen und Bürokratie. Oder Berge von Bauschutt vor dem Turm, wenn tagelang kein Fahrzeug zum Abtransport aufzutreiben war, aber die örtliche Presse schon aufgeregte Weimarer Mitbürger und deren Sorge um das Stadtbild zitierte. Das Bewusstsein einer beachtlichen Verantwortung für eben dieses Stadtbild hat sich bei den Clubleuten über die Jahre hinweg geformt.

So präsentierte sich der Kasseturm inmitten anderer rekonstruierter Gebäude auf dem Goetheplatz schon seit Jahrzehnten in einem ansehbaren baulichen Zustand. Ungezählt sind auch die Stunden, die geleistet wurden, um den Turm in den jährlichen Renovierungen immer wieder neu auszugestalten

All diese baulichen Maßnahmen haben als bedeutenden Nebeneffekt, dass es eine Identifikation der "Kassetürmer" mit ihrem Club gibt, dass der Stolz auf das von eigener Hand Geschaffene auch zu Sorgsamkeit und pfleglichem Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz führt. Auch darin besteht die Wirkung des Beispiels aus dem Um- und Ausbau des alten Turmes zum Studentenclub "Kasseturm" in den Jahren 1961/62 bis heute.

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Text und Fotos im Text: mit freundlicher Genehmigung von www.kasseturm.de
Vorschaubild Foto Kasseturm: Florian Russi