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Zu Gast in Weimar

George Eliot; deutsche Übersetzung: Nadine Erler

Zu den vielen Künstlern, die es nach Weimar zog, gehörte auch die englische Schriftstellerin George Eliot. Im Sommer 1854 verbrachte sie drei Monate im kleinen, doch weltberühmten Städtchen an der Ilm. George Eliots schriftlich festgehaltenen Eindrücke sind äußerst amüsant. Dieser Blick einer Fremden lässt Weimar in anderem Licht erschienen.

Broschüre, 40 Seiten, 2019

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Schillers Ruf reicht bis Irland

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Nadine Erler

Maria Frances Dickson 1837 in Weimar

Text und Übersetzung von Nadine Erler

Maria Frances Dickson (1809?–1885) war eine irische Autorin. Im Sommer 1836 begleitete sie ihre Tante, die bekannte britische Schriftstellerin Henrietta Georgiana Chatterton (1806–1876), und deren Mann Sir William Abraham Chatterton auf eine Reise durch Deutschland. So besuchte sie auch Erfurt und Weimar. Ihr besonderes Interesse galt Martin Luther und der deutschen Literatur, vor allem Schiller, der in ihrer Heimat durch die Übersetzungen von Samuel Taylor Coleridge bekannt geworden war.

Ihre Eindrücke schilderte sie in dem zweibändigen Werk, das bereits 1837 in London erschienen und Lady Chattertongewidmet ist: Souvenirs of a Summer in Germany in 1836.

Weimar

Weimar, das Athen des Nordens! Schiller, Goethe, Wieland, Herder – wie viele Namen kommen dem Liebhaber der deutschen Literatur in den Sinn, wenn man sich ihm nähert! Diese Anhäufung von Genies in den grasbewachsenen Straßen und anspruchslosen Behausungen macht diese ansonsten unbedeutende kleine Hauptstadt interessant. Weimars Ruhm ist vergangen, die Sterne sind erloschen und der Heiligenschein der Bildung, der einst über dem herzoglichen Hof leuchtete, wurde von der kalten Hand des Todes gedämpft.

All alike are humble there,
The mighty grave
Wraps lord and slave (1)

und auch die größten Geistesgaben schützen ihren beneideten Besitzer nicht vor dem bitteren Ende, das er sich selbst verdient hat.

Vielleicht ist von all den Namen, die Weimar seinen Glanz verleihen, Schiller der interessanteste. Goethes Geistesgaben wurden nur selten zur Belehrung seiner Zeitgenossen eingesetzt – seine Feder wurde nicht geheiligt.

Aber bei Schiller war es ganz anders, obwohl auch er nicht ganz von harscher Kritik verschont blieb.Vor allem eines seiner kürzeren Gedichte (2) wurde scharf kritisiert und gab seinen Feinden und Rivalen Anlass zu vielen heftigen Angriffen. Sie behaupteten, dass Schiller sich darin gegen das Christentum ausgesprochen und sich der Gotteslästerung schuldig gemacht habe. Als Schiller mitgeteilt wurde, wie seine Worte aufgefasst wurden, begnügte er sich damit, einfach und bescheiden zu sagen: „Sie missverstehen mich.“

Schillers Privatleben ist auch sehr interessant und macht den Menschen ebenso liebenswert, wie der Dichter bewundernswert ist. Sein sanftmütiges Wesen und die Geduld, mit der er sein Leiden ertrug, das sein Leben zur Qual werden ließ und ihn schließlich zu früh ins Grab brachte, prägen sein Andenken. Unser Bekannter aus Schwalbach, Herr Röhling (3), war ein enger Freund von Schillers Witwe (4). Er wurde nie müde, Anekdoten über die persönlichen Tugenden des Dichters zu erzählen, die bei herausragenden Genies selten sind.

Ein Geist, der in den höheren Sphären der Dichtkunst und Wissenschaft zu Hause ist, lässt sich nur selten zur Geselligkeit des täglichen Lebens herab. Von einem Milton oder Byron dürfen wir nicht die Eigenschaften eines guten Ehemannes und Vaters erwarten.

Aber bei Schiller war es nicht so. Die Trauer, mit der seine Kinder seinem Sarg folgten, und der bittere, dauerhafte Kummer seiner Witwe zeigen allzu deutlich, was für einen Verlust sie erlitten hatten. Madame Schiller war eine begabte Frau und wusste zu schätzen, was sie an ihrem Mann gehabt hatte. Nach seinem Tod „waren ihre Tränen so ganz und gar ihr Brot geworden bei Tag und Nacht" (5), dass sie in ein paar Monaten ihr Augenlicht verlor, sie hatte sich buchstäblich blind geweint. Ihre Schwester, Caroline Wolltman (6), hat Schillers Leben geschrieben.

Die literarische Arbeit des Dichters schadeten seiner Gesundheit und schwächten seine ohnehin kränkliche Verfassung. Er schrieb immer nachts. Er begann mit seiner Arbeit abends gegen elf und machte bis sechs Uhr morgens weiter, dann begab er sich für vier oder höchstens fünf Stunden zur Ruhe.


(1)Anmerkungen der Übersetzerin: Zeilen aus dem Gedicht Death von Reverend George Croly.

(2) Gemeint ist Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788).

(3) Wahrscheinlich Franz Friedrich Röhling (1796 –1846), hessischer Buchhändler und Verleger.

(4) Charlotte von Schiller, geb. von Lengefeld (1766 –1826).

(5) Psalm 42, 4: „Meine Tränen sind mir Brot geworden bei Tag und bei Nacht.“

(6) Hier irrt die Autorin – Charlotte von Schillers Schwester, die Schillers Leben schrieb, hieß Caroline von Wolzogen (1763–1847). Dickson verwechselt sie wahrscheinlich mit der Schriftstellerin Karoline von Woltmann (1782–1847).

*****

Bildquelle:

Schiller auf der Flucht mit seinem Freund Andreas Streicher, gemeinfrei

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