Weimar Lese

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Roland Opitz
Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Rot und Blau

Über die Geschichte hin und mit der Geschichte ihrer Schwester ist sie alt geworden. Sehr alt. Ihre Schwester blieb jung. Für immer. War so jung, als ihr das Leben gestohlen wurde.

Mit Puppen hatten sie am liebsten gespielt. Ihnen Kleidchen genäht wie dieses aus den Resten des Stoffes, der von Mutters kariertem Rock übrig war. Das Schürzchen weiß. Sie kochten für die Puppen, legten ein Blech über Ziegelsteine, stellten eine Kerze darunter, rührten um mit einem Stöckchen. Der Garten gab manches her, was man kochen konnte im Süppchen: Möhren, Kohlrabi, Erbsen.

Mutter schimpfte nicht, wenn ihre Schürzen und auch das weiße Schürzchen der Lieblingspuppe rußig waren.

All ihr Leben spielte und kochte sie mit der kleinen Schwester, die immer jung geblieben war. Einen Ort, zu dem sie gehen konnte um ihr näher zu sein, hatte sie nicht. Nur diese Gedanken immer. Und das letzte Bild: Wie man sie wegzerrte von ihr.

Viele Jahre schon wurden Fahrten angeboten. Dorthin, wo sie die erbärmliche, die unbarmherzige Zeit überlebt hatte. Wo sie nie wieder sein wollte. Kein Schritt von ihr sollte dort knirschen.

Als sie wieder gefragt wurde, hörte sie sich sagen, dass sie mitführe.

In der Gruppe ist es ihr möglich, die schweren Schritte zu gehen. Langsam setzt sie den Stock. Erkennt und erkennt. Fühlt sich wie erschlagen, bleibt stehn. Nur diesen Gedenkraum noch. Vitrinen mit dem, was blieb. Ihre Augen schweifen, verharren, starren:

Die Puppe mit dem karierten Kleid! Blau und Rot.

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Bildquelle:
Puppe aus dem KZ

Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück - Ausstellungstafel im österreichischen Gedenkraum mit einer authentischen Puppe aus dem KZ Ravensbrück (wie sie von dort inhaftierten österreichischen Frauen als Spielzeug für ihre teils mitinhaftierten Kinder angefertigt wurden). Der österreichische Gedenkraum wurde 1986 neu gestaltet und ist heute noch in der selben Form zu besichtigen. Quelle: ravensbruck, il lager delle donne Urheber: ho visto nina volare from Italy via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)