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Wunderschöne Ansichten der Klassikerstadt - gezeichnet von Gerhard Klein (3. Aufl. 2010, erschienen im Bertuch Verlag).
Der Weimarer Zwiebelmarkt und seine literarische Verarbeitung

Der Weimarer Zwiebelmarkt und seine literarische Verarbeitung

Anette Huber-Kemmesies

Anordnung des Herzogs Wilhelm zur Durchführung d. Zwiebelmarktes vom 04.10.1653
Anordnung des Herzogs Wilhelm zur Durchführung d. Zwiebelmarktes vom 04.10.1653

Wer den Namen der Stadt Weimar hört oder liest verbindet sie meist sofort mit Goethe, Schiller oder Bach; ferner auch mit der Bauhauskunst und der Amalia- Bibliothek, kurz: mit allen den Geist betreffenden Künsten. Doch im Oktober hat Weimar noch etwas ursprünglich - volkstümliches zu bieten: den Zwiebelmarkt, von dem auch der traditionsbewusste Goethe als „berühmtes Marktfest" in seiner Volkstümlichkeit schwärmte. Auch er widmete einige Zeilen dem Zwiebelmarkt und der wohltuenden Wirkung der Zwiebel. In einem Brief an Caroline Satorius vom 7. November 1806 schrieb der Dichter: „Daß die vegetabilischen Späße ihre gute Wirkung getan haben, freut uns recht sehr. Versäumen sie nur nicht, jährlich dergleichen bei uns von diesem Markte abzuholen."

Erstmals erwähnt wurde der Zwiebelmarkt im Jahre 1653 in einem Schreiben des Rates der Stadt an Herzog Wilhelm III. Bekannt wurde er als „Viehe - und Zippelmarkt". Und auch heute gibt es neben der „siebenhäutigen Königin" noch vieles mehr zu bieten.

Aber auch um die Entstehung des Marktes und die von Goethe so hoch geschätzte „vegetabilische Wirkung" ranken sich, liebe Leserinnen und Leser, einige Sagen, wie es in der Natur eines jedes Volkes üblich ist. In dunkler Vorzeit erzählte man sich, freilich etwas unkonventionell und nicht undbedingt etwas für zart Besaitete, dies:

„In Wynmar, in der Gegend der heutigen Jakobskirche, trafen sie auf die stolze Feste, darauf ein Häuptling Armanfridus mit seinen Mannen saß. Betrübt saß er auf einem erratischen Block, da er viele wackere Mannen im Kampfe mit den wilden Ihrigsdörfern und struppigen Putzmännern wundlos verloren hatte. Das mußte eine besondere Ursache haben. Der bandkeramische Priester und Arzt Szellerabi wußte Rat und meinte, Adern und Eingeweide der Mannen sei verstopft, der Blutkreislauf gehindert gewesen, infolgedessen sie durch Schlaganfälle so plötzlich den Tod gefunden hätten.

Der Häuptling staunte und wollte nicht eher glauben, als bis einer der Mannen seziert wurde. Ein lebendiger Recke stellte sich sogleich zur Verfügung. Auf einem bereitstehenden „Martirbock" wurde er festgeschnallt und mit drei schöngeschwungenen Steinbeilhieben auf die Stirn in die Narkose gebracht. Mit einem haarscharfen Feuersteinmesser öffnete der Priester Adern und Eingeweide, welche so verkalkt und verkotet waren, daß eine kaum zwirnfadendünne Öffnung für den Durchlaß von Blut und Nahrungsmitteln vorhanden war. Nach Verschluß der Wunden kehrte der Recke alsbald zum Bewußtsein zurück, und der Arzt ordnete zum rohen Fleisch gehackten Knoblauch und gebratene und rohe Zwiebel an.

Der Erfolg war bald da. Am „Kannrückchen" am Graben und am „Bornberg" entleerten sich die Leiber, alles atmete befreit auf, und keiner ging mehr „zum Bornberg hinunter", wie die Weimarer noch sagen. Die Frauen aber, die jenseits der Feste auf dem Frauenplan wohnten, aßen geröstetes Brot mit Milchbrei und Zwiebeln und strahlten nach dem Mahle in berückender Schönheit. Alljährlich aber wurde zur Erinnerung an das erlösende, gesunde Ereignis ein großes Volksfest gefeiert..."

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(Überlieferung gefunden in: Wolfgang Schneider: Zwiebelmarkt in Weimar. Sein Werden und Wachsen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Weimarer Schriften Heft 23, 1986)

Bild: Das Dokument befindet sich im Stadtarchiv Weimar. Abbildung gefunden in: Wolfgang Schneider: Zwiebelmarkt in Weimar. Sein Werden und Wachsen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Weimarer Schriften Heft 23, 1986