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Reden wir von der Liebe

Florian Russi (Hrsg.)

Liebe ist ein Thema, das jeden berührt...Ein manchmal ernüchterndes und zugleich poetisches Buch.

Die Leiden des alten Goethe

Die Leiden des alten Goethe

Christiane C. Schachner

Seine letzte große Liebe

Die vielen Kuraufenthalte von Johann Wolfgang von Goethe in den böhmischen Bädern sind legendär, der Geheimrat war dort, wie überall sonst auch, ein gern gesehener und freudig erwarteter Gast.

Die erste Reise nach Karlsbad unternahm er im Jahre 1785 auf Anraten seines Arztes Christoph Wilhelm Hufeland, da seine Gesundheit immer wieder Grund zur Besorgnis lieferte.

Zu gelegentlichen Nierenkoliken kamen Magen- und Darmbeschwerden sowie ein seelisches Ungleichgewicht, das sich ein Jahr später so rapide verschlechterte, dass ihm nur noch die Flucht nach Italien Erleichterung verschaffen konnte. 1785 sollte ihn jedoch die Karlsbader Luft kurieren und so traf er Anfang Juli zusammen mit Ludwig von Knebel dort ein.

Das frühmorgendliche Bad und das Trinken des Quellwassers sollten seine Leiden lindern und offenbar wirkte es, denn Goethe kam wieder. Insgesamt reiste er siebzehn Mal zur Kur nach Böhmen und verbrachte dort zusammengerechnet mehr als drei Jahre seines Lebens.

Ulrike von Levetzow
Ulrike von Levetzow

Goethe nutzte diese Reisen aber nicht ausschließlich zur Erholung, sondern auch für seine vielfältigen naturwissenschaftlichen Studien. Sein besonderes Interesse galt den Gesteinsarten und der Vegetation, weshalb er sich häufig auf ausgedehnte Spaziergänge und Ausfahrten in die Umgebung begab. Zusammen mit seinen wechselnden Begleitern klopfte er Steine und sammelte seltene Exemplare, die er mit nach Weimar brachte und katalogisierte.

Darüber hinaus entstand ein nicht unbeachtlicher Teil seiner Lyrik während seiner böhmischen Aufenthalte, unter anderem eines seiner traurigsten, aber auch schönsten Gedichte: die (Marienbader) Elegie. Sie bildet zugleich den Höhe- und Endpunkt seiner Aufenthalte und kann biographisch als Zäsur verstanden werden, denn sie ist der literarische Ausdruck der letzten großen Liebe des 74-jährigen Goethes.

Das angebetete Liebesobjekt, und das ist der eigentliche Skandal, war die 19-jährige Ulrike von Levetzow, eine Tochter aus gutem Hause, deren Mutter Goethe bereits 1806 kennengelernt hatte. In einem Brief an Christiane schwärmte er damals enthusiastisch von Amalie von Levetzow und in seinem Tagebuch vermerkte er hinter ihrem Namen den Begriff ‚Pandora‘.

Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe

Siebzehn Jahre später ist es dann aber ihre Tochter Ulrike, die den in die Jahre gekommenen Dichter bezaubert und verjüngt. Die Wochen der Kur in Marienbad und Karlsbad 1823 werden zu einem späten Frühling für Goethe und lassen ihn noch einmal den Zauber der Liebe in all seiner Schönheit und gnadenlosen Grausamkeit erleben. Denn seine Gefühle finden nicht die erhoffte Entsprechung und das bedeutet für Goethe Entsagung. Der Abschied aus Böhmen, in das er nie wieder zurückkehrt, ist schließlich auch ein Abschied von der Liebe und läutet zugleich das letzte Jahrzehnt seines Lebens ein.

In diesem Lebensabschnitt wird Goethe mehr als je zuvor Familienmensch und Repräsentant einer eigentlich schon vergangenen Zeit. Weimar und der Frauenplan sind nun endgültig und ausschließlich Zentrum seiner (geistigen) Lebenswelt und Entstehungsort seiner Schöpfungen, denn die produktive Phase ist durchaus noch nicht vorbei. Beinahe bis zu seinem Tod bleibt Goethe tätig und kann schließlich auch noch sein Hauptwerk, den zweiten Teil des Faust, vollenden. Mit Goethes Tod (1832) geht eine Ära und zugleich die goldene Zeit Weimars zu Ende.

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Bildquellen:

Denkmal von Heinrich Drake in Marienbad, gemeinfrei, Dmicha

Ulrike von Levetzow, gemeinfrei

Johann Wolfgang von Goethe, gemeinfrei

 

Quellen:

Schachner, Christiane C.: Martin Walsers Goetheroman „Ein liebender Mann". Dichtung und historische Wahrheit. Würzburg: Königshausen & Neumann 2012. (= Literaturwissenschaft. 766.) [Vorher: Graz, Univ., Masterarbeit. 2011.]

Schopf-Beige, Monika: Goethe in Böhmen. 2. Aufl. Hrsg. von der Goethe-Gesellschaft Ludwigsburg. Ludwigsburg: Verlagsbuchhandlung Literatur 2010. (=Schriften der Goethe-Gesellschaft Ludwigsburg e.V.)

Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Weimarer Ausgabe. Hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. IV. Abt.: Goethes Briefe. Bd. 19 (von 50). Weimar: Böhlau 1887-1912, S. 166.

Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Weimarer Ausgabe. Hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. III. Abt.: Goethes Tagebücher. Bd. 3 (von 15). Weimar: Böhlau 1887-1919, S. 147.