Weimar Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.weimar-lese.de
Unser Leseangebot
Kennst du die Brüder Grimm?
Kurt Franz und Claudia Maria Pecher
2012, 120 Seiten, ab 14 Jahre
Blutgraben

Blutgraben

Ludwig Bechstein

Rotgefärbtes Wasser im Schloßgraben

In dieser Sage wird das Rotfärben des Wasser auf die sogenannten „Grumbachschen Händel" zurückgeführt. Bei diesen handelt es sich um eine Auseinandersetzung, die durch den Ritter Wilhelm von Grumbach ausgelöst wurden. Dabei kam es nach der Schlacht bei Mühlberg zur Landesteilung in Thüringen: Coburg und Eisenach wurden nun von Johann Friedrich II. und Weimar von Johann Wilhelm geführt. Ersterer nahm Wilhelm Grumbach trotz der über den Ritter verhängten Reichsacht wegen Landfriedensbruchs auf, da dieser dem Fürsten den Aufstieg des Ernestinischen Geschlechts ohne Militärkraft versprach. Johann Friedrich II. verweigerte die Auslieferung des Ritters und so wurde auch über ihn die Reichsacht verhängt, was zu einer Reichsexekution führte, an der auch sein Bruder Johann Wilhelm teilnahm. Es kam zu militärischen Auseinandersetzungen in Gotha, deren Folge lebenslange Festungshaft Johann Friedrichs II. war.
Rotgefärbtes Wasser deutet hier auf ein bevorstehendes Übel hin. Es geht im Wesentlichen um den Bruch des Landfriedens und die damit verbundene Teilung des Landes, die durch die Gutgläubigkeit und das Vertrauen des Fürsten in den Ritter Grumbach herbeigeführt wurde.

Anette Huber-Kemmesies

Blutgraben 

Im Jahre 1555 am 6. des Heumonds hat der Schloßgraben zu Weimar an einer Stelle hinten bei der Rentnerei angefangen zu wallen und überzuquellen, als ob das Wasser siede. Und war dessen Farbe fleischfarb, ja bisweilen gar rot wie Blut, daß sogar der Schatten, so von dem Sonnenschein an das Schloß gefallen, am Gemäuer feuerrot gesehen wurde. Bisweilen hat sich dieses Aufwallen an einer Stelle, bisweilen auch an mehreren erhoben und ist mit Gewalt mitten im ruhigen Flusse emporgedrungen, obschon im Grunde keine Quelle vorhanden war. Das hat für und für angehalten bis an den dritten Tag, und da hat man den Graben abgelassen, aber keine Ursache des Aufwallens und der Farbe gefunden; am Erdreich aber hing es wie Blutstropfen, und in Gefäßen aufbewahrt blieb das Wasser klar wie roter Wein. Zu Erfurt wurde damals auch ein Brunnen blutrot, und ein Feldweg von Weimar begann eine Brunnquelle, die das Jahr vor dem Bauernkrieg auch in Blut verwandelt worden, aufs neue rötlich über sich zu sprudeln, wie auch noch ein Brunnen im Thüringerland in gleicher Gestalt gesehen worden. Was es bedeute, wußte man damals nicht zu sagen, hernachmals aber ist es klar geworden mit Schrecken, denn in dieser Zeit hoben sich die Grumbachischen Händel an, welche auf thüringischer Erde gar manchem Mann das Leben kosteten und die beiden Brüderherzoge zu Sachsen, Johann Friedrich den Mittlern und Johann Wilhelm, auf den Tod entzweiten, auch den ersteren guten, glaubenseifrigen und freundestreuen Fürsten in lebenslängliches Gefängnis brachten.

----

Textquelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Wigand Leipzig 1853

Foto: Kupferstich von 160, bearbeitet von Cyntia Rammel