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Ingrid Annel
Glücksdrachenpech

Schaurige, lustige, gruselige und witzige Geschichten von Wassermännern, Drachen, Irrlichtern und dem Teufel, mit Illustrationen von Marga Lenz

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Die geheimnisvolle Versammlung

Die geheimnisvolle Versammlung

So manch unheimliche Spukgeschichte rankt sich um die Stadt der Dichter und Denker. Auch vor dem großherzöglichen Herrschaftssitz, dem Stadtschloss, machten die Gestalten der übernatürlichen Art laut der Überlieferung nicht Halt. Sogar einer der Brände des stattlichen Gebäudes wird übernatürlichen Wesen zugeschrieben, die des Nachts in einem als Lager genutzten Saal eine Versammlung der unheimlichen Art abgehalten haben sollen.

Carolin Eberhardt.

Vor langer Zeit einmal begab es sich, dass ein Mann türkischer Herkunft am Hof im Weimarer Schloss die Aufgabe zugewiesen bekam, alle Öfen und Lichter zu bedienen und jeden Abend, wenn das Hofvolk bereits zu Bett gegangen war, zu überprüfen, ob die Feuerstellen und Kerzen auch recht ausgebrannt waren. Bei einem seiner Rundgänge nun trug es sich zu, dass der Bedienstete eines merkwürdig anmutenden Lichtscheines gewahr wurde, welcher durch das Schlüsselloch eines saalartigen Raumes schien. Seine Neugier war nun wahrlich geweckt und so näherte er sich vorsichtig der Türe, ließ seinen Blick nach links und rechts schweifen, ob auch nicht eine der Herrschaften ihn dabei beobachtete und spähte nun vorsichtig durch das Schlüsselloch. Doch wie wunderte er sich da über diesen eigenartigen Anblick: Der große Raum, welcher sonst, weil er als Rümpelkammer genutzt wurde, mit allerlei großem und kleinem Krempel zugestellt war, erschien ihm nun vor seinem Auge völlig leer und aufgeräumt. Die einzigen Möbelstücke waren eine lange, schwarzgedeckte Tafel mit ebenso ungewohnt schwarz betuchten Stühlen. Der Tisch aber war umringt von sonderbar und unheimlich gearteten Gestalten, welche ebenfalls völlig in schwarz vermummt waren. Ihre Gesichter konnte er nicht erkennen, denn die großen schwarzen Kapuzen hingen ihnen bis weit über die Stirn. Eine der Gestalten hatte sich bereits zuvor erhoben und wohl eine Rede gehalten, von der der Türke nur noch die letzten Worte vernahm: „Und es soll und muss sein!“ Mit diesen Worten zerbrach der Redner ein weißes Stäbchen, welches er in der Hand gehalten hatte, genau als die laute Turmuhr 1 Uhr schlug. In diesem Moment war die gruselige Szenerie wie von Zauberhand verschwunden. In höchtem Maße erschrocken erzählte der Mann am nächsten Morgen von dieser wundersamen Begebenheit. Doch keiner wollte ihm glauben. Zutiefst überzeugt von den Dingen, die er selbst in der vorigen Nacht wahrgenommen hatte, und in eben solchem Maße in seinen Grundfesten erschüttert, trat der türkische Bedienstete sogleich zum Christentum über, beschwor alles und nahm sein Abendmahl darauf. Am gleichen Tage noch brach ein großes Feuer aus, welches das ganze Schloss verwüstete.  

 

Erklärung: Auf welchen Brand des Schlosses sich die Geschichte bezieht, ist nicht ganz geklärt. Vermutlich handelt es sich aber um den Brand von 1618. Die Sage wurde schriftlich überliefert, der Urheber ist jedoch unbekannt. 

 

*****
Textquelle:

In Anlehnung an: Mitzschke, Ellen; Mitzschke, Paul (Hrsg.): Sagenschatz der Stadt Weimar und ihrer Umgegend, Hermann Böhlaus Nachfolger, 1904, S. 21; neu erzählt von Carolin Eberhardt.

 

Bildquelle:

Vorschaubild: Das Stadtschloss (Stahlstich von J. W. Appleton nach einer Vorlage von Otto Wagner um 1845) via Wikimedia Commons  Gemeinfrei.

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