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Okzident und Orient
Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert

Klaus-Werner Haupt

In siebzehn Kapiteln werden neunzehn Persönlichkeiten des langen 19. Jahrhunderts vorgestellt, deren Texte, Bilder und Erfindungen deutlich machen: Okzident und Orient sind nicht zu trennen.

Madame de Staël

Madame de Staël

Klaus-Werner Haupt

Eine große Europäerin zu Besuch in Weimar

Die reise- und schreiblustige Europäerin Anne Louise German de Staël-Holstein zählt zu den außergewöhnlichsten Frauen des beginnenden 19. Jahrhunderts. Von Napoleon Bonaparte verbannt, begab sie sich nach Italien, wo sie zu ihrem erfolgreichsten Roman Delphine inspiriert wurde. Nicht zuletzt wegen der Sprache zog es Madame de Staël immer wieder nach Deutschland. Der Turban wurde zum äußeren Markenzeichen der „Kaiserin des Geistes" - Napoleons gefährlichster Gegnerin.

Porträt Goethes (1800)
Porträt Goethes (1800)

Wegen ihrer kritischen Haltung aus Paris verbannt wollte Madame de Staël das „sittliche, gesellige, literarische Weimar" kennen lernen. Ihr Besuch war bereits vier Wochen vorher angekündigt worden. Als sie die kleine Stadt an der Ilm Mitte Dezember 1803 erreichte, lag Johann Gottfried Herder im Sterben. Johann Wolfgang von Goethe hatte sich wegen dringender Aufgaben ins Jenaer Stadtschloss zurückgezogen, denn die Gründung der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung stand bevor. Per Briefboten wurde er von seinem Freund Friedrich von Schiller auf dem Laufenden gehalten:

„Frau von Staël wird Ihnen völlig so erscheinen, wie Sie sie sich a priori schon konstruiert haben; sie will alles erklären, einsehen, ausmessen, sie statuiert nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. [... ] das einzig Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muß sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."

Bevor sie in die Tiefe des literarischen Lebens eindringen konnte, lernte die Baronin das gesellige Weimar kennen. Vor allem die Damen der Hofgesellschaft waren fasziniert von der geistreichen und herzerfrischenden Germaine. Inzwischen drängte Herzog Carl August auch auf Goethes Anwesenheit. Auf tief verschneiten Wegen kehrte dieser nach Weimar zurück. Am Weihnachtsabend empfing er am Frauenplan die Frau, deren Grazie sich angeblich niemand entziehen konnte. Auch die Erwartungen von Madame de Staël waren groß: Wie sah er aus, der Autor des Werther? Der 54-Jährige erschien ihr ziemlich korpulent, geheimrätlich steif und irgendwie desillusioniert. Natürlich gelang es ihr, den „deutschen Genius" zu einem ersten Interview zu verführen. Goethe beeindruckte die Ungezwungenheit der Französin, doch Schiller hatte Recht: Ihr auf Dauer zuzuhören fiel schwer ... 

Madame de Staël hielt alles Erlebte schriftlich fest. An Christoph Martin Wieland sandte sie ein erstes Résümé: „Die Weimarer Welt bewegt sich ganz und gar im Sinn der Schellingschen Philosophie; es ist die Ruhe oder vielmehr der Schlaf des Idealen im Realen." Mehr würde man in ihrem Buch De l´Allemagne (1814) lesen können. Inzwischen verbreiteten auch die Pariser Zeitungen, wie großartig die Baronin in Weimar gefeiert wurde. Um ihr den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, wurden Empfänge organisiert und sogar der Spielplan des Theaters auf die Besucherin zugeschnitten. Sie war inzwischen ins Werthernsche Haus am Wittumspalais umgezogen. So wurden aus den geplanten drei Wochen in Weimar drei Monate. Als die Baronin abreiste, dachte Goethe mit Unbehagen an die Veröffentlichung all seiner Worte und Schiller war zumute, als hätte er eine große Krankheit ausgestanden.

Nach Aufenthalten in Leipzig und Berlin reiste Madame de Staël im Mai 1804 über Weimar auf den Familiensitz in Coppet am Genfer See zurück. Angesteckt von der Italiensehnsucht der Weimarer Gesellschaft wollte sie den folgenden Winter im Süden verbringen. Das Land am Fuße des Vesuv schien „die vom Himmel am meisten begünstigte Gegend Europas", Natur und Menschen aufs Innigste miteinander verbunden. Die Reisenden - unter ihnen der Hauslehrer August Wilhelm Schlegel - begeisterten sich an den Zeugnissen des Altertums, die im Gegensatz zu den Trümmern Roms eine „unersättliche Neugier" einflößten. Nachfolgend entstand Madame de Staëls autobiografischer Roman Corinne ou l´Italie (1807). Schlegel feierte ihn als den Prototyp des neuen romantischen Romans. Goethe wurde an seine italienische Reise erinnert und lobte den herrlichen Geist und das warm fühlende Herz der Protagonistin. Corinna - „Dichterin, Schriftstellerin, Improvisatorin und eine der schönsten Frauen Europas" - wurde zur Identifikationsfigur für Generationen von Schriftstellerinnnen.

Die nächste Reise führte die Baronin wieder ins deutschsprachige Ausland. Nach Aufenthalten in München und Wien hielt sie sich wiederum für zehn Tage in Weimar auf. Trotz persönlicher Schicksalsschläge gelang im Jahre 1810 der Druck ihres Buches De l´Allemagne. Der neue Polizeiminister Savary befahl die Auflage einzustampfen, die Autorin hatte Frankreich zu verlassen. Sie durfte sich künftig nicht weiter als vier Wegstunden vom Genfer See entfernen. Am 23. Mai 1812 nutzte die Baronin die Gunst der Stunde und floh mit ihrer Familie nach Russland. Die Grand Armée Napoleons folgte ihnen auf dem Fuße. Auf einem Landgut bei Petersburg vermittelte Madame de Staël zwischen den Befreiern Europas. Den Winter 1812/13 verbrachte sie in Stockholm und reiste von dort weiter nach London. Im Juni 1813 wurde ihr Haus im Stadtteil Mayfair zum Treffpunkt von Parlamentariern. Im Oktober war Napoleon vorerst besiegt.

Château de Coppet.
Château de Coppet.

Der englische Dichter Lord Byron (1788-1824) bewunderte die Autorin de Staël und besuchte sie mehrfach auf ihrem Anwesen im schweizerischen Coppet. Schließlich kaufte sein Verleger das vor den Häschern gerettete Manuskript zu De l´Allemagne. Anfang November 1813 erschien das Buch in französischer Sprache. Im Vorwort schilderte Madame de Staël ihre Leidensgeschichte, was sich als äußerst verkaufsfördernd erwies. Das Buch sollte ihre Landsleute mit dem deutschen Sprachgebiet, dem „Vaterland des Denkens", näher bekannt machen - als Alternative zu dem von hektischer Betriebsamkeit regierten Frankreich. Die Autorin pries die Vorzüge des kleinen Landes Sachsen-Weimar, dessen Fürst „ein Mann von vielem Geiste" sei und die Herzogin Luise „das wahre Muster einer von der Natur zum höchsten Range bestimmten Frau". Das benachbarte Jena sei eine der wichtigsten Stätten der Gelehrsamkeit in Deutschland. So fänden „bewunderungswürdige Geistesstrahlen aller Art wie in einem Brennpunkte" zusammen. Die durchlauchtige Anna Amalia habe „den Landsitz, den man die Stadt Weimar nannte", zum Sammelplatz der vorzüglichsten Geister gemacht. Zum ersten Mal erhielt Deutschland eine Hauptstadt, die durch ihr „literarisches Licht" Aufsehen erregte. „Man nannte Weimar längst Deutschlands Athen", hieß es, „und in der Tat war es die einzige Stadt, in welcher das Interesse für die schönsten Künste einheimisch, national und ein brüderlicher Bund für alle Stände ist." Im Jahre 1814 erschien das Buch unter dem Titel Über Deutschland in deutscher Übersetzung. Goethe war mit seiner Einschätzung recht zufrieden. Er würdigte das Werk, das eine breite Lücke in die „chinesische Mauer antiquierter Vorurteile" brach, die Deutschland von Frankreich trennte. Auch wenn das Buch wegen seiner oberflächlichen Recherchen später belächelt wurde - ungebrochen ist das Interesse an der Biografie der großen Europäerin Madame de Staël.

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Quelle:

Haupt, Klaus-Werner: Okzident & Orient. Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert. Weimarer Verlagsgesellschaft/Imprint des Verlagshauses Römerweg Wiesbaden (2015)

Abbildungsnachweis:

( 1 ) François Gérard, Madame de Staël (um 1810). University of Texas Libraries

( 2 ) Johann Friedrich Bury, Porträt Goethes (1800). Klassik Stiftung Weimar

( 3 ) Château de Coppet. Foto: B. Brägelmann (2005)