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Christoph Werner
Um ewig einst zu leben
Caspar David Friedrich und Joseph Mallord William Turner.
Bertuch Verlag Weimar 2006

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August von Kotzebue

August von Kotzebue

Christoph Werner

Flagge USA

Die Schloßgasse in Weimar, liebe Leserinnen und Leser, führt von der Kaufstraße aus etwas abschüssig in nordöstlicher Richtung zum Burgplatz und zum Schloss. Eine Tafel über der Tür des Hauses Nr. 6 erinnert an eine der bemerkenswertesten und vielleicht auch schillerndsten Persönlichkeiten der Goethezeit, an August Friedrich Ferdinand von Kotzebue. (Der auf den ersten Blick zu allerhand Wortspielereien zum Nachteil des Namensträgers verleitende Name ist nichts weiter als ein so genannter Herkunftsname zu dem Ort Kossebau in Sachsen-Anhalt).
August von Kotzebue Gedenktafel
August von Kotzebue Gedenktafel
Bei manch einem von uns mag sich sofort die in der Schule eingeprägte Assoziation „zaristischer Spion" einstellen. Das war das Schlimmste, das man zu gewissen Zeiten jemandem nachsagen konnte, hier die Inkarnation des Reaktionären, des Zarismus, und da die von jeher übel beleumdete Tätigkeit des Spionierens für eine fremde Macht. Dieser Verdacht führte letzten Endes am 23. März 1819 in Mannheim zur heimtückischen Ermordung Kotzebues durch den vom Wartburgfest (18. Oktober 1817) aufgemunterten Jenaer Burschenschaftler Karl Ludwig Sand.

Auf der Wartburg hatte der Franzosenhasser, Antisemit und Nationalist Friedrich Ludwig Jahn (in der DDR hoch geehrt, die Friedrich-Ludwig-Jahn-Medaille war seit 1961 die höchste Auszeichnung des DTSB, des Deutschen Turn- und Sportbundes, für hervorragende Verdienste), schlimme Taten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vorwegnehmend, die Studenten und Professoren zur Verbrennung der Schriften aller Feinde des Vaterlandes aufgerufen. Darunter befand sich neben Schriften von bedeutenden deutschen und preußischen Publizisten und Politikern der Code Napoleon, das erste moderne, verständlich geschriebene, übersichtliche Zivilgesetzbuch, von dem Friedrich Engels sagte, es sei „das einzige, modern-bürgerliche, auf den gesellschaftlichen Errungenschaften der großen französischen Revolution ruhende und sie ins Juristische übersetzende Gesetzbuch". Und es wurde verbrannt, Kotzebues „Geschichte des Deutschen Reiches".

Wohin hat uns der Blick auf die Schlossgasse Nr. 6 geführt? In eine aufgeregte Zeit, in der August von Kotzebue eine bedeutende Rolle spielte.

August von Kotzebue Haus
August von Kotzebue Haus
Kotzebues Vater, der herzoglich-weimarische Legationsrat Kotzebue, starb bereits wenige Monate nach Augusts Geburt. So wuchs August mit seiner Schwester Amalia unter der Obhut der Mutter und von deren Schwager, des Märchenschreibers Johann Karl August Musäus auf. Durch die Freundschaft der Mutter mit Goethe fand „der schöne muntere Knabe" (Goethe) schon als Kind Einzug in dessen Haus und auch schon einmal Gelegenheit, eine kleine Rolle in dem von Goethe geleiteten herzoglichen Liebhabertheater zu übernehmen. Seit diesen Kindertagen war das Theater die große Leidenschaft seines Lebens. Er wurde der bedeutendste Theaterdichter seiner Zeit. Am Ende des 18. Jahrhunderts war er in ganz Europa bekannt. In England kam es nach einem spektakulären Bühnenerfolg im Jahre 1798 geradezu zu einem Kotzebue-Boom. Keines seiner Stücke brachte ihm mehr Erfolg und Ruhm ein als das 1787 verfasste Schauspiel „Menschenhaß und Reue". Nicht weniger als dreißig Übersetzungen seiner Stücke erschienen allein im Jahre 1799. In Polen genoss er bereits seit 1791 größte Popularität, und im gesamten Südosten Europas blieb er in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts der wichtigste Bühnenautor. Allein fast 200 Übersetzungen von Bühnenstücken Kotzebues hat es ins Serbische gegeben. Kotzebue war ein Autor von europäischer Wirkung. Und auch in Deutschland ist z. B. der „Krähwinkel" aus seiner Schilderung und unnachsichtigen Verspottung der kleingeistigen Verhältnisse in seinem Stück „Die deutschen Kleinstädter" bis heute sprichwörtlich geblieben.

Der Theaterdirektor Goethe in Weimar ließ die Erfolgsstücke Kotzebues gern aufführen, da sie eine kräftig fließende Einnahmequelle waren.

Nach seinem Jurastudium in Jena machte Kotzebue eine wechselvolle und außergewöhnliche Karriere. Er wurde Sekretär des Generalgouverneurs von St. Petersburg, erhielt 1785 dort den persönlichen Adel (und nannte sich seitdem von Kotzebue), unternahm viele Reisen, war Theaterdichter in Wien, wurde 1800 nach Sibirien verbannt aber bald wieder zurückgeholt und war Herausgeber antinapoleonischer Zeitschriften.

Nach längerer Unterbrechung war er ab 1817 wieder im Dienste des Zaren und schrieb für diesen Berichte über Politik, Finanzen und Erziehung in Westeuropa. Daher rührte der Vorwurf, zaristischer Spion zu sein.

August von Kotzebue Ermordung
August von Kotzebue Ermordung
Seine Ermordung (und das erfolglose Attentat auf den nassauischen Regierungspräsidenten Karl von Ibell) führte zu den Karlsbader Beschlüssen vom August 1819, d. h. zur Überwachung der Universitätslehrer, der Überwachung der Studierenden durch besondere Kuratoren, strenger Zensur der Presse und zur Verfolgung so genannter demagogischer Umtriebe. Die Karlsbader Beschlüsse wurden erst im Jahre 1848 wieder aufgehoben.

Kotzebues zweiter Sohn Otto wurde ein berühmter Seefahrer und Entdecker.

Wenn Sie Ihren Weg durch die Schlossgasse nehmen und am Haus Nr. 6 vorübergehen, liebe Leserinnen und Leser, gedenken Sie Kotzebues, eines hervorragenden und von Ehrgeiz und Ruhmsucht erfüllten Dichters und Schriftstellers, der sich darin nicht von vielen seiner und unserer Zeitgenossen unterschied. Als er, 58 Jahre alt, eines gewaltsamen Todes starb, löste das bei den einen Jubel, bei den anderen Bestürzung und Trauer aus. Sein Mörder Karl Ludwig Sand wurde ein Jahr nach seiner Tat hingerichtet.

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Fotos: Christoph Werner
Bild oben: Stahlstich, um 1850, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Bild unten: "August von Kotzebues Ermordung", kolorierter Kupferstich, vermutlich von J. M. Volz