Weimar-Lese

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Zu Gast in Weimar

George Eliot; deutsche Übersetzung: Nadine Erler:

Zu Gast in Weimar

George Eliot, die später zu einer der erfolgreichsten englischen Schriftstellerinnen werden würde, begleitete im Sommer 1854 ihren Lebensgefährten George Henry Lewes nach Deutschland, um mit ihm auf den Spuren Goethes zu wandeln. So weilten sie drei Monate in Weimar, deren Eindrücke George Eliot in zwei Essays festhielt.

Erinnerungen an Goethes Weimar

Bernhard Beskow / Übers. Nadine Erler

Erinnerungen an Goethes Weimar

ein Reisebericht aus dem 19. Jahrhundert

1819 gastiert der junge Bernhard Beskow in Weimar. In seinem Reisebericht lässt er den Leser an seinen Erlebnissen teilhaben: Er besucht die hiesige Oper, sitzt zu Mittag an der herzoglichen Tafel, lernt Schillers Witwe kennen. Doch was ihn am nachhaltigsten beeindruckt, ist die Bekanntschaft Goethes. 

William Makepeace Thackerays letzter Besuch in Weimar

William Makepeace Thackerays letzter Besuch in Weimar

Anne Thackeray Ritchie

William Makepeace Thackeray, einer der bedeutendsten englischen Romanciers der viktorianischen Zeit, hatte als junger Mann einen Aufenthalt in Weimar genossen und durfte dabei auch Goethe seine Aufwartung machen. Ob sein Studium der Rechtswissenschaften, dass der junge Engländer bald darauf in London begann, auf den Einfluss des Dichterfürsten zurückzuführen ist, lässt sich nicht beweisen, doch mutmaßen. Allerdings scheint es dem jungen Thackeray nicht gelegen zu haben; denn er arbeitete bald lieber als Journalist, bis er als Romancier Erfolg verbuchte.

Zwanzig Jahre später jedenfalls, so gegen 1850, kam er noch einmal in das Musenstädtchen an der Ilm, diesmal in Begleitung seiner beiden halbwüchsigen Töchter. Ihnen wollte er den Lebensraum Goethes und die Orte seiner eigenen Erinnerungen zeigen.

Anne Thackeray Ritchie, Mai 1870 by Julia Margaret Cameron (1815–1879).
Anne Thackeray Ritchie, Mai 1870 by Julia Margaret Cameron (1815–1879).

Anny, die ältere von beiden, trat schließlich in seine Fußstapfen und machte sich 1863 – mit Mitte Zwanzig also – bereits einen Namen als Schriftstellerin. Als Anne Thackeray Ritchie veröffentlichte sie zahlreiche Romane impressionistischer Art und beeinflusste damit ihre Stiefnichte Virginia Woolf. Jene erwähnte in ihrem Nachruf 1919, dass Anne eine Autorin mit viel Witz und Fantasie und eine ausgesprochen entzückende Persönlichkeit gewesen sei. 

Erst spät, nämlich in ihren Lebenserinnerungen 1895, erlaubte sich Anne Thackeray Ritchie, von ihrem Vater zu schreiben. Im siebten Kapitel ihrer "Chapters from unwritten memoirs" erzählt sie auch von den Eindrücken, die ihr von Weimar geblieben sind. Aus ihren Zeilen werden die Sentimentalität ihres Vaters wie auch der damals in Weimar herrschende Goethekult und die Vermarktung des Dichters besonders deutlich. In wie weit die fantasievolle Ritchie bei ihrer Schilderung allerdings bei der Wahrheit bleibt oder dichtet – wer weiß das zu sagen ...  (Tina Romstedt)

***

Ausschnitt aus dem 7. Kapitel (To Weimar and back) aus Chapters from unwritten memoirs, New York, Harper & Brothers Publishers, 1895. 

Deutsche Übersetzung von Nadine Erler

 

Die größte meiner bescheidenen Reisen machte ich wohl im Alter von ungefähr dreizehn Jahren, als mein Vater1  mit mir und meiner kleinen Schwester2 durch Europa fuhr. (…) Wir brachen an einem regnerischen Sommermorgen auf. Mein Vater freute sich auf die Reise und wir waren begeistert. (…) Wir waren zwei quirlige kleine Mädchen, auch wenn wir mit unseren Hüten und Regenmänteln brav und bescheiden aussahen. (…)

Im Rückblick erinnert man sich manchmal nicht mehr daran, in welchem Jahr etwas passiert ist, und so weiß ich auch nicht genau, in welchem Jahr wir bei herrlichem Sommerwetter von dieser langen Reise zurückkehrten und unser Weg durch Deutschland und Weimar führte.

Wie die meisten Kinder fanden wir die Geschichten aus der Jugend unseres Vaters spannend, und er erzählte uns oft von seiner Zeit auf der Universität, in Deutschland und seinen glücklichen Tagen in Pumpernickel-Weimar, wo er bei Hofe war, dem großen Goethe begegnete und sich in Amalia von X.verliebte. Und als wir jetzt nach Weimar kamen, war uns, als würden wir seine Vergangenheit erleben, wie Gogo in Mr. Du Mauriers4 Geschichte. Plötzlich ertappe ich mich dabei, daß ich eine leere schattige Straße hinaufgehe. Mein Vater zeigt auf eine Reihe Fensterläden im ersten Stock eines großen, gemütlich aussehenden Hauses.

„Dort wohnte Frau von X.“, sagte er. „Sie war so gütig zu uns, und Amalia war so ein hübsches Mädchen!“

Dann kamen wir im Sonnenschein an einem Haus vorbei, in dem er mit einem Freund gewohnt hatte, und schließlich zu dem Palast. Die Wachposten, die vor ihren gestreiften Häuschen auf und ab marschierten, sahen aus wie Spielzeugsoldaten aus der Burlington Arcade. Wir sahen die Akazien mit ihren gestutzten Baumkronen und die Eisenpforten und gingen über den Schlosshof in den Palast. Man zeigte uns den Ballsaal und die kleineren Salons, wir standen auf dem glänzenden Parkett und sahen den Ort, an dem mein Vater die schöne Amalia zum ersten und letzten Mal zum Tanzen aufgefordert hatte. Und dann sagte mein Vater, ganz versunken in Erinnerungen, plötzlich: „Ob der alte Weissenborne5 wohl noch lebt? Bei ihm habe ich Deutsch gelernt!“

Und siehe da – er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da erschien ein großer, dünner alter Mann. Er trug einen Strohhut mit breiter Krempe, unter dem Arm eine Zeitung, und vor ihm her lief ein hübscher Pudel.

„Himmel, das sieht aus wie – ja, das ist Dr. Weissenborne! Er hat sich kaum verändert“, sagte mein Vater. Er blieb einen Augenblick stehen, dann ging er auf den alten Mann zu. Dieser hielt inne und starrte ihn an.

„Ich bin Thackeray“, sagte mein Vater, eifrig und schüchtern zugleich, wie es seine Art war.

Der Doktor starrte ihn noch eine Weile an, dann hellte sich sein Gesicht plötzlich auf, er hieß Vater herzlich willkommen, schüttelte ihm die Hand und lachte. Der weiße Hund hüpfte auf und ab und war genauso interessiert wie wir.

„Sie sind so grau geworden, dass ich Sie nicht gleich erkannt habe“, sagte der Doktor auf Englisch.

Und mein Vater lachte und sagte, er sei jetzt viel grauer als der Doktor. Dann stellte er uns dem alten Mann vor, der uns mit sparsamer Freundlichkeit die Fingerspitzen reichte und sich dann wieder an meinen Vater wandte. Ja, er hatte Vaters Karriere mit Interesse verfolgt, dieser und jener hatte von ihm erzählt, er hatte eines seiner Bücher gelesen – aber nicht alle. Warum hatte Vater ihm nie Bücher geschickt, warum war er nicht viel früher zurückgekommen?

„Sie müssen Ihre Frau mitbringen und alle bei mir frühstücken“, sagte Dr. Weissenborne.

„Und das ist Ihr alter Hund?“ fragte mein Vater, nachdem er die Einladung des Doktors angenommen hatte.

Dr. Weissenborne schüttelte den Kopf. Ach! Der alte Hund lebte nicht mehr, er war vor zwei Jahren gestorben. Dafür war der junge Hund sehr präsent, er bellte und umkreiste uns lebhaft. Der Doktor und sein Hund waren gerade zu ihrem täglichen Waldspaziergang aufgebrochen, als sie uns begegnet waren, und nun forderten sie uns auf, sie zu begleiten. Wir machten uns gemeinsam auf den Weg.

Der Park (es ist viele Jahre her) war ein sonniger, grüner kleiner Wald, nicht sehr dicht, es fiel reichlich Sonnenlicht durch die Baumkronen. Viele schmale Pfade führten in die grünen Tiefen und überall gab es Sitzplätze.

An einer dieser Bänke zeigte der alte Professor uns eine Inschrift, die mit einem Messer tief in das Holz geritzt worden war: „Doktor W. und sein Hund“. Wer hatte sie geritzt? Er wusste es nicht. Doch das war nicht die einzige Inschrift – auf jeder Bank, auf der Goethe gesessen hatte, und an jedem Baum, in dessen Schatten er gestanden hatte, stand eine andere Inschrift; einige waren kaum noch lesbar, aber wir versuchten doch, sie zu entziffern.

„Hier hat Goethe gelebt, hier ist er spazieren gegangen, hier hat er gesessen, diesen schmalen Pfad haben seine Füße betreten! Er führt zu seinem Gartenhaus!“

Es herrschte, wie gesagt schönes Sommerwetter, wie es in meiner Jugend so oft der Fall war und wie es auch unsere Kinder noch erleben, wenn auch nicht immer. Wir kamen mit unserem Freund, dem Doktor, zurück und frühstückten mit ihm in seiner kleinen Wohnung. Wir aßen in einem Zimmer voller Bücher an einem winzigen Tisch am offenen Fenster. Nach dem Frühstück saßen wir im Garten des Professors inmitten der Brunnenkresse. Meine Schwester und ich bekamen Bücher zum Lesen, und die beiden alten Freunde rauchten und sprachen über alles Mögliche. Amalia war verheiratet und hatte mehrere Kinder, sie war nicht mehr da. Doch Madame von Goethe6 und ihre Söhne lebten immer noch in Weimar, ebenso wie ihre Schwester Fräulein von Pogwish7.

„Sie würden sich freuen, Sie wiederzusehen“, sagte der Professor. „Wir gehen gemeinsam hin und lassen die jungen Damen hier, bis wir wiederkommen.“

Aber daraus wurde nichts, denn unser Vater bestand darauf, dass wir mitkamen. Ab hier verblasst meine Erinnerung (wie immer, wenn es um etwas Spannendes geht), vor allem bei der interessantesten Sache. Wir besuchten nämlich Goethes altes Haus, doch ich erinnere mich kaum – nur daran, dass der Doktor sagte, Madame von Goethe sei nach Goethes Tod ausgezogen. Sie lebte in einem schönen Haus in der Stadt (…). Zwei ungekünstelte kleine Damen, die an einem großen runden Tisch voller Bücher und Zeitungen standen, empfingen uns. Es waren Madame von Goethe und ihre Schwester.

Dr. Weissenborne kündigte einen alten Freund an, und es gab ein herzliches Willkommen. Alle erkannten einander sofort wieder.

„Und lesen Sie beide immer noch so gern Romane?“ fragte mein Vater.

Die Damen lachten, sagten „Ja“ und wiesen auf einen Karton mit Büchern – unter anderem einigen englischen Romanen –, der gerade gekommen war und den sie ausgepackt hatten. Dann wurden die Söhne des Hauses hereingerufen – freundliche junge Männer (…), nicht so gutaussehend wie ihr Großvater (wenn man nach den Bildern urteilt), doch sehr liebenswürdig. Einer war Maler, erzählte uns die Mutter, der andere Musiker. Und während mein Vater mit den älteren Damen sprach, kümmerten sich die beiden jungen Männer um uns. Sie erboten sich, uns das gefeierte Gartenhaus zu zeigen, und luden uns ein, dort am nächsten Tag Tee zu trinken. Und so kam es, dass wir noch einmal durch den schattigen kleinen Wald geführt wurden. Dort mit Goethes Familie spazieren zu gehen, mit seinen Enkeln und deren Mutter – Ottilie, die dem sterbenden Dichter bis zuletzt die Hand gehalten hatte –, zu seinem Lieblingsplatz, an dem er so viel Zeit verbracht hatte, seine Angehörigen von ihm reden zu hören, war ungefähr so, als lausche man einem fernen Echo seiner selbst (…).

Und in dem Alter, in dem ich damals war, sind Eindrücke so lebhaft, dass ich ein Leben lang das unbestimmte Gefühl hatte, ich wäre Goethe begegnet. Wir spürten seine Anwesenheit überall, vor allem in dem kleinen Gartenhaus, in dem schlichten und einfachen Zimmer, in dem er zu schreiben pflegte.

Einer der netten jungen Herren ging zum Fenster und zeigte uns etwas auf dem Sims. Ich weiß nicht genau, was es war, doch ich denke, es war sein Name, geschrieben mit einem Diamanten. Ich erinnere mich, dass wir im Garten an einem Holztisch unter Bäumen im Schatten Tee tranken, ich erinnere mich an Wolfgang von Goethe, der eine Teetasse in der Hand hält, doch der Rest verschwindet.

Weimar ist bekannt für seine Gastfreundschaft, sogar die Leute im Gasthof erkannten meinen Vater wieder, doch als wir am Abend des zweiten Tages aufbrachen, bekam er eine so gewaltige Rechnung, dass er zum Kellner sagte: „So viel zu sentimentalen Erinnerungen! Sagen Sie dem Wirt, dass ich nie wieder nach Weimar komme!“

(...)

 

Anmerkungen der Übersetzerin:

1 William Makepeace Thackeray (1811–1863): Britischer Schriftsteller; gilt neben Charles Dickens und George Eliot als bedeutendster englischsprachiger Romancier des Viktorianischen Zeitalters.

2 Harriet Marian Thackeray, verheiratete Stephen (1840–1875).

3 Diese Frau konnte leider nicht identifiziert werden.

4 George du Maurier  (1834–1896), britischer Autor und Zeichner. „Gogo“ ist eine Figur aus seinem Roman Peter Ibbetson.

5 Wilhelm August Adam Weißenborn (1803–1878): Theologe, Philologe, Historiker, Politiker und Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung.

6 Ottilie von Goethe, geb. von Pogwisch (1796–1872), Goethes Schwiegertochter. Ihre Söhne waren Walther Wolfgang von Goethe (1818–1885) und Wolfgang Maximilian von Goethe (1820–1883).

7 Ulrike von Pogwisch (1798–1875).

 

***

Teaserbild:

Goethes Wohnhaus, aus: Die Gartenlaube, 1856.

 

 

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