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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Das Feodoraheim

Das Feodoraheim

Carolin Eberhardt

Heute beherbergt das historische Gebäude am Rollplatz, in dessen Front sich ein Spielplatz befindet, verschiedene Arztpraxen, in DDR-Zeiten wurde es als Polikinderklinik genutzt. Doch blickt das Bauwerk auf eine noch weitreichendere medizinisch orientierte Vergangenheit zurück als zu vermuten wäre. Im Jahr 1857 ließ die Großherzogin Maria Pawlowna, welche für ihr soziales Engagement bekannt war, das Gebäude in unmittelbarer Nähe zur Weimarer Jakobskirche errichten. Fortan diente es als Kinderverwahranstalt, heute vergleichbar mit einer Kindertagesstätte. Die Einrichtung wurde bis 1911 als solche genutzt. Ab diesem Zeitpunkt richtete das Patriotische Institut für Frauenvereine unter dem Vorsitz der Großherzogin Feodora und finanzieller Unterstützung des Großherzogs neben der Verwahranstalt Kapazitäten für ein Säuglings- und Kinderheim, eine Fürsorgestelle sowie eine Milchküche ein. Ebenso bestand der Vorsatz, das Heim für die Ausbildung von Kinderpflegerinnen zu nutzen. Die feierliche Einweihung der Anstalt erfolgte am 10.April 1912 nach Fertigstellung der Umbauarbeiten. Das Institut trug zunächst den Namen „Feodora-Kleinkinderverwahranstalt“, später wurde dieser in „Feodora-Säuglings- und Kinderheim“ umbenannt. Die Funktionalität der Einrichtung in Bezug auf die Leistungen, welche in Ansätzen der heutigen Sozialpädiatrie entsprechen, entsprang, für damalige Verhältnisse, einer sehr fortschrittlichen und innovativen Sichtweise. So sorgte das Heim sich primär um die Aufnahme schwacher und aus ärmlichen Verhältnissen stammender Kinder, die seit 1910 in Weimar bestehende Säuglingsfürsorgestelle wurde bald ebenfalls in das Feodoraheim verlegt und bestand hier bis 1926. In den ersten Jahren wurden im 1. Obergeschoss nicht weniger als 30 Säuglinge untergebracht, das Erdgeschoss beherbergte in etwa die gleiche Anzahl an Kleinkindern. Die kleinen Patienten erhielten hier im Falle einer Erkrankung durch eine Schwester des Sophienhauses und unter ärztlicher Anweisung medizinische Versorgung, bis  ihre Genesung eintrat. Der Westflügel des Gebäudes wurde als Kinderverwahranstalt genutzt. Ca. 100 Kinder konnten hier tagsüber betreut werden und im Notfall ärztliche Betreuung in Anspruch nehmen. Ab den 1920er erfolgte eine vermehrte Aufnahme erkrankter Kinder auch in der Verwahranstalt, so dass sich die Zweckrichtung des Heimes maßgeblich veränderte. Dies führte dazu, dass nun der Ostflügel zunächst um einen Speisesaal, dann um eine große darüber gelegene Terrasse und später der Westflügel um weitere Räume für die Pflegeschule erweitert wurde.

Ein dunkles Kapitel musste auch das Feodoraheim während des Regimes des Nationalsozialismus aufschlagen. Nicht selten wurden chronisch kranke oder als schwächlich deklarierte Kinder zur „Weiterbehandlung“ in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ verlegt, für die Klinik Weimar war solch eine Einrichtung in Stadtroda zuständig, kehrten aber oft nicht wieder in ihre Heimatstadt zurück. Unter dem Decknamen „T4“ wollte das Regime „lebensunwertes“ Leben beseitigen.

Vor den Zerstörungen des Krieges blieb das Gebäude bis zum 09. Februar 1945 verschont, bis durch den schweren Bombenangriff auf das Weimarer Zentrum an diesem Tag auch das Feodoraheim so stark betroffen war, dass das gesamte Haus geräumt werden musste. Die vorübergehende Unterbringung von Patienten und Personal erfolgte in die Wildenbruchvilla am Horn.

Die Kinderklinik konnte erst nach Wiederaufbau des Hauses am heutigen Rollplatz ihren ursprünglichen Standort nutzen. 1949 wurde ein notdürftiges und mit wenig Equipment ausgestattetes Labor dort eingerichtet. Die medizinischen Fortschritte der Zeit, um einige Beispiele zu nennen die Entdeckung des Penicillins oder die Anwendung von Bluttransfusionen, bereiteten den dort arbeitenden Krankenschwestern einen erheblichen arbeitstechnischen Mehraufwand.  Organisatorische Veränderungen brachten dagegen in den 50er Jahren bald eine erhebliche Erleichterung für das Personal mit sich. Wurden die Krankenakten der Patienten zuvor umständlich und unübersichtlich in Stapeln gelagert, konnte durch eine Normierung der Kliniken insgesamt auch die Kinderklinik durch ein organisiertes Ablagesystem in Form eines Archivs profitieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Akquirierung von Assistenzärzten durch den damaligen Chefarzt Dr. Eltz wuchs das Kollegium der Klinik in den Folgejahren stetig weiter an. Die Station für die Frühgeborenen wurde im Folgenden weiter ausgebaut und erhielt ab 1960 eine zentrale Sauerstoffanlage. Weiterhin wurde neben dem Haupteingang eine Pförtnerloge mit einer modernen Telefonanlage eingerichtet, welche bis 1991, trotz großer Störanfälligkeiten, genutzt wurde. Der Keller des Westflügels beherbergte eine mordernisierte Wäscherei, welche 1962 monatlich im Schnitt 10 t Wäsche zu bearbeiten hatte. Die Einrichtung einer Ambulanz für Notfälle und ambulante Weiterbehandlungen erfolgte 1966 im Kellergeschoss, diese erfuhr drei Jahre spätere eine räumliche Erweiterung.

Eine bemerkenswerte Besonderheit der Einrichtung fand sich darin, dass langfristig erkrankte Kinder durch eine eigens dafür engagierte Lehrerin der Volksbildung unterrichtet wurden. Ebenso stellte die Klinik 1964 eine Kindergärtnerin für die Betreuung der Patienten ein.

Die vielen Jahre der Nutzung gingen an den Innenräumen des Gebäudes natürlich nicht spurlos vorüber. Als Dr. Scholz den Posten des Chefarztes in Ablösung von Dr. Eltz 1975 übernahm, konnte er sich zwar eines erfahrenen, erprobten und kompetenten Teams aus Ärzten und Schwestern erfreuen, fand allerdings verschiedene Mängel wie defekte Fußböden, vernachlässigte Wände, Putzschäden, undichte Dachrinnen und ähnliches vor. Aus diesem Grund trieb der Chefarzt die Planung von Sanierungsarbeiten voran, die aber nur allmählich und langwierig umgesetzt werden konnte. Gemeinsam mit dem Architekten der Sackpfeife wurde die Modernisierung der Räumlichkeiten geplant, die den besonderen Bedürfnissen der kleinen Patienten gerecht werden sollten. 1977/78 erhielten alle Stationen neue Sauerstoffleitungen. Erst vier Jahre darauf konnte der zentrale Kompressor erstmalig in Betrieb genommen werden, welcher insbesondere für die Neonatologie eine wesentliche Bedeutung hatte.

Bis zur Geburtsstunde der Polikinderklinik 1976, in welcher vier Praxisräume für ambulante Kinderärzte eingerichtet wurden, erfolgten weitere Änderungen. 1972 wurde unter Beteiligung des im Sophienhaus tätigen Arztes Dr. Otto eine vorläufige Rahmenhygieneordnung erstellt. In den darauf folgenden Jahren erfolgte der Auszug der Schwestern aus dem Mansardentrakt, wodurch Räumlichkeiten für Ärzte, Klinikfürsorgerin, Kindergärtnerin, Lehrschwestern und Verwaltung entstanden. 1982 wurde die vorgehaltene Bettenkapazität mit Zustimmung der Behörden von 173 auf 130 reduziert, da sie bereits seit den 70iger Jahren nicht mehr den reellen Bedarf abbildete. Durch das fachkundige Personal und die notwendige Technik war es in den 80er Jahren möglich, das diagnostische Mittel der Elektroenzephalogramms zu nutzen und den Patienten die Fahrt nach Erfurt und die damit verbundene lange Wartezeit zu ersparen. Ein weiterer Meilenstein in der Kinderheilkunde war der Zugewinn der klinischen Psychologie unter der Leitung von Diplom-Psychologin Dagmar Materne. Durch ihren Wechsel von der Universitäts-Kinderklinik Jena in die Kinderklinik Weimar legte die Kinderneuropsychiaterin Dr. Seitz den Grundstein für eine verbesserte Behandlung von entwicklungsverzögerten und anfallskranken Kindern und trieb unter anderem die Entwicklung der EEG-Diagnostik weiter voran.

1977ging aus den ambulanten Kinderarztpraxen im ehemaligen Feodoraheim das Pädiatrische Zentrum Weimar hervor, welches zum Ziel hatte, die Zusammenarbeit klinischer und ambulanter Kinderärzte unter einer Leitung zu fördern. Synergien fanden sich nicht nur in den praktischen Erfahrungen und den medizinischen Spezialisierungen der Ärzte, sondern auch in der Nutzung diagnostischer Geräte. Die Klinikärzte ermöglichten Sondersprechstunden z. B. für Nieren- und Lungenkrankheiten oder die Nachbetreuung von Risikoneugeborenen. Die Grundbetreuung von 25 Kindergrippen fiel ebenso in das Aufgabenspektrum des Zentrums wie die Mütterberatung.

1990 entstand die Gemeinschaftspraxis Am Rollplatz, heute befinden sich in dem Gebäude zwar nach wie vor Arztpraxen, doch sind diese nicht ausschließlich auf die Kinderheilkunde spezialisiert, sondern bedienen verschiedene Fachabteilungen.

 

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Textquellen: 

Günter, Gitta; Huschke, Wolfram; Steiner, Walter (Hrsg.): Weimar: Lexikon zur Stadtgeschichte, Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, 1998.

Sophien- und Hufeland-Klinikum gGmbH (Hrsg.): 100 Jahre Kinderklinik Weimar: Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Kinderklinik Weimar, 2013 abgerufen von >https://www.yumpu.com/de/document/read/7965055/100-jahre-kinderklinik-weimar-des-klinikums-das-sophien< am 05.08.2021.

Bilder: von Carolin Eberhardt, Juli 2021. 

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Rollpl. 10,
99423 Weimar

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