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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Henri Pieck - Zeitzeuge aus Buchenwald

Henri Pieck - Zeitzeuge aus Buchenwald

Carolin Eberhardt

Der niederländische Maler, Graphiker und Illustrator Pieck (1895-1972) entstammte einer Seefahrerfamilie aus der nord-holländischen Hafenstadt Den Helder. Das künstlerische Talent lag vermutlich in der Familie, denn auch sein Zwillingsbruder Anton wird später durch seine altholländischen Motive und Winteransichten bekannt.

Bereits während seiner Schulzeit zeigte Henri Interesse an der Malerei, was sich dahingehend äußerte, dass er bereits Zeichenstunden nahm. Es verwundert daher nicht, dass er nach abgeschlossener Schule in Den Haag Malerei und Architektur studiert, später in Amsterdam an der Universität seine Lehrbefugnis erwarb.

Durch zahlreiche Reisen, unter anderem nach Ungarn, erwächst in Pieck das Bestreben, seine Kunst für soziale Zwecke einzusetzen. So entwirft er 1921 ein Plakat gegen die Hungersnot in der Sowjetunion. Einen weitreichenden Einfluss auf seine spätere politische Aktivität hat eine Begegnung mit dem Maler Piet Mondrian, welcher Pieck darin bestärkte, nicht nur als freier Künstler tätig zu sein, sondern mit seinen Zeichnungen das höhere sozialpolitische Ziel zu verfolgen, einen Einfluss auf vorherrschende soziale Ungerechtigkeiten zu nehmen. Weitere Plakate folgen und Pieck entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einem bekannten Ausstellungsarchitekt. Insbesondere seine Tätigkeit für die Leipziger Messe und im Auftrag des niederländischen Außenministeriums erlangt der Künstler durch die von ihm gestalteten Messeausstellungen in Liège, Genf, London, Paris und Madrid einen größeren Bekanntheitsgrad. Sein grafisches und malerisches Porfolio wird nun mehr von Aktmalerei, Varietésujets und soziale Themen dominiert.

Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande 1940 wendet sich Piecks Schicksal. Auf Grund der illegalen Herstellung der kommunistischen Zeitung „De Vonk“ in seinem Atelier wird der Niederländer im Juni 1941 verhaftet und am 2.April 1942 in das KZ Buchenwald deportiert. Doch auch diese einschneidende Wende in Piecks Leben vermindert nicht seinen Drang, sich gegen die vorherrschenden Missstände zu wehren. Im Lager bei Weimar gehört er dem holländischen Lagerwiderstand an. Insgesamt 3.000 niederländische Häftlinge waren hier im Zeitraum von 1940 bis 1945 inhaftiert, darunter namhafte Politiker, Beamte, Lehrer, Staatsbedienstete und Künstler. Ebenso gehört Pieck der geheimen internationalen Lagerorganisation an.

Nach der Aufnahme Piecks im Kommando „Virusforschung Block 50“, eine ehemalige Häftlingsbaracke, welche als Labor für die Herstellung von Fleckfieberimpfstoffen umgebaut wurde, wird Pieck unter anderem von Eugen Kogon, einem politischen Häftling, welchem eine Lagerfunktion übertagen wurde, unterstützt. Fortan erhält der Künstler Aufträge der SS für die Anfertigung von Tafelbildern. Beeindruckend und erschreckend zugleich sind bis heute seine zusätzlich angefertigten Skizzen, welche Bildnisse von Mithäftlingen zeigen sowie das um ihn herum wahrgenommene Leid dokumentieren.

Besagte Skizzen überarbeitete der Künstler nach dem Krieg und veröffentlichte diese 1945 im Verlag „Het Centrum“ Den Haag unter dem Titel „Buchenwald: Zeichnungen aus dem Konzentrationslager“. Seine Zeichnungen leitet er mit folgender Überschrift ein: „Zur Erinnerung an eine abscheuliche Zeit, in der es auch schönste Momente gab.“ Nur knapp entging Pieck seinem Tod, gehörte er doch 1945 zu den 46 zur Liquidierung durch die SS vorgesehenen Häftlingen. Als Mitglied des Internationalen Lagerkomitees beteiligte sich der Künstler nach der Befreiung des Lagers durch die 3. US-Armee bei den Vorbereitungen der Trauerfeier für die Opfer des NS-Regimes in Buchenwald. Nach Kriegsende zog es den Künstler in seine Heimat, die Niederlande, zurück. 1972 verstarb der Künstler im Alter von 78 Jahren in Den Haag.


*****

Textquellen:

Henri Pieck: Biografien der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora abgerufen von > https://www.buchenwald.de/1243/ < am 24.02.2020.

Niederländer in Buchenwald: Dokumentationen der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora abgerufen von > https://www.buchenwald.de/1478/ < am 24.02.2020.

Autorenkollektiv: Buchenwald: Mahnung und Verpflichtung: Dokumente und Berichte, Berlin, 1983, S.490-643.


Bildquelle:

Henri Pieck, 1946, Urheber: Anefo via Wikimedia Commons CCO.

Han Pieck in Egypt, 1920, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons gemeinfrei.

Pieck, Henri: Buchenwald. Tekening van Henri Pieck, Bestanddeelnr, 28. Dezember 1945 via Wikimedia Commons CCO.

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