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Frank Meyer

Raum 101
Erzählungen über Männer

Von dem Konflikt mit dem Vater beim Froschschenkeljagen, den abenteuerlichen Gefühlen einer Kinderliebe, den bleibenden Momenten mit dem besten Freund, die erschütternden Erlebnisse beim Bund...teils einfühlsam, teils derb erzählen die Geschichten dieser Sammlung, wie Jungen und Männer sich in verschiedenen Lebensabschnitten bewähren... oder wie sie versagen. 

Des Dichterfürsten Geisteraugen

Des Dichterfürsten Geisteraugen

Wilhelm von Arnim

Gruselig anmutend ist so manche Sage. Von diesen gibt es über Weimar und sein Umland reichlich zu berichten. Da Goethe bereits zu Lebzeiten stets im Fokus und Interesse der Öffentlichkeit stand, verwundert es nicht, dass der berühmte Schriftsteller als gespenstischer Protagonist in einer überlieferten Weimarer Sage des 19. Jahrhunderts auftaucht. Die vorliegende schauerliche Legende wurde von Wilhelm von Arnim erdacht und 1880 veröffentlicht. Erschienen ist das Gedicht zum einen in der Weimarischen Zeitung zum anderen in der Veröffentlichung Sagenschatz der Stadt Weimar und Umgegend. Das Stück ist in Reimform gestaltet und ähnlich einer Ballade aufgebaut. Dabei verwendet von Arnim Zitate aus Goethes Werken, so zum Beispiel: „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht (für alle, alle Zeiten)!" Der Vers stammt aus Goethes Torquato Tasso (1807. 1. Akt, 1. Szene, Leonore zur Prinzessin)

Carolin Eberhardt


uf Weimars stillen Gassen ruht die Nacht.

Doch sieh! Des Dichterfürsten ödes Zimmer,

wie leuchtet’s mit geheimnisvollem Schimmer,

als wenn noch einsam spät ein Denker wacht!


Nein! Nein! Was treibt dein reger Geist für Possen!

Bewahrt ist unter frommer Enkel Hut

Der Baum, wo er gewirket und geruht,

wo er auf immer einst sein Aug‘ geschlossen.


Und doch! Phosphorisch leuchtet’s durch den Park;

Nicht dringt’s durch der geschloss’nen Laden Spalten,

Nicht durch des Vorhangs längst vermorschte Falten,

Die Laden selbst erglühen bis ins Mark!


Gleichwie zwei große Geister-Augenlider

Erhellen sie das einsam traute Dach.

Darunter einst des Sängers Auge brach,

Und rufen uns das Bild des Sehers wieder.


Was soll solch seltsam Wunderzeichen deuten?

Selbst aus des Dichters Munde wird mir Rat!

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,

Ist eingeweiht für alle, alle Zeiten!“


Vielleicht nur gohr vermolmend hier das Holz

Und brach mit leicht erklärbarem Gefunkel

Durch des tiefschatt’gen Dichtergarten Dunkel.

Doch noch aus der Verwesung ruft es stolz:


„Licht war des Dichterfürsten hehrstes Streben.

Mit seines Götterauges hellem Strahl

Zwang er der finst’ren Geister große Zahl;

Drum glänzt noch seine Stätte wie im Leben.“


Nicht Täuschung ist solch wunderbar Gesicht,

Nicht schuf mein Geist nur träumende Legende.

Daß seine Erdensendung er vollende,

ruft noch sein Geisterauge: „Licht! Mehr Licht!“



*****

Bildquellen:

Vorschaubild: Goethes Wohnhaus: Florian Russi; Gemälde von Johann Wolfgang von Goethe, Quelle: Gerhard von Kügelen, 1810 via Wikimedia Commons gemeinfrei; neu bearbeitet von Andreas Werner.

Goethes Wohnhaus in Weimar am Frauenplan, 2003, Urheber: Owron via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0; Goethe diktiert in seinem Arbeitszimmer dem Schreiber John. Ölgemälde von Johann Joseph Schmeller, 1834 via Wikimedia Commons gemeinfrei; Ein Engel befreit fünf Arme Seelen aus dem Fegefeuer; Stundenbuch der Katharina von Kleve, Morgan Library & Museum, 1440 via Wikimedia Commons gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.


Textquellen:

Gedicht entnommen aus: Mitzschke, Ellen und Paul: Sagenschatz der Stadt Weimar und ihrer Umgegend, 1904, S. 53f.

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