Weimar Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.weimar-lese.de

Unser Leseangebot

Johann Joachim Winckelmann im Kreise der Gelehrten

Klaus-Werner Haupt

1. Theobald Reinhold Anton Freiherr von Oer – ein talentierter Maler und herausragender Illustrator des 19. Jahrhunderts

2. Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek – eine szenische Darstellung zu Theobald von Oers Historiengemälde

3. Johann Joachim Winckelmann als Wegbereiter der Weimarer Klassik

ISBN: 978-3-86397-096-3

Erscheint im Frühjahr 2018

MEHR

Carl Alexander Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach

Carl Alexander Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach

Klaus-Werner Haupt

Erbe, Mäzen und Politiker im Silbernen Zeitalter

Als am 24. Juni 1818 der Prinz Carl Alexander August Johann geboren wurde, feierte das Haus Sachsen-Weimar-Eisenach dies als epochales Ereignis. Der erstgeborene Sohn des Thronfolgerpaares Carl Friedrich und Maria Pawlowna war wenige Wochen nach seiner Geburt verstorben. Die Gefahr, die Dynastie könne ohne einen männlichen Thronerben ausgelöscht werden, war gebannt.

Von Kindheit an lag das Erbe des Großherzogtums auf den Schultern des kleinen Prinzen. Würde der sensible und eher musisch veranlagte Carl Alexander den Erwartungen seines übermächtigen Großvaters gerecht werden können? Zu seinem 10. Geburtstag schrieb ihm seine Schwester Augusta (1811-1890), designierte Ehefrau des Prinzen Wilhelm von Preußen (1797-1888), nachmalige Königin von Preußen und erste Deutsche Kaiserin, aus Petersburg: „Glaube mir lieber Carl, daß es von nun an Deine Pflicht ist, ihm so viel als möglich ähnlich zu werden. Nimm es mir nicht übel, wenn ich Dir so aufrichtig zurede, allein ich wüßte nicht Dir einen deutlicheren Beweis von meinem Antheil an Deinem Geburtsfest zu geben, als wenn ich diesen Augenblick benutzte. Dein seliger Großvater betrachtete das Geburtsfest auch als einen Tag der Ueberlegung u. Aendrung.“ Eine Aufzählung der Leistungen des zehn Tage zuvor verstorbenen Großherzogs Carl AugusCarl August (1757-1828) schloss sich an.

Carl Alexander, der zu seiner Schwester Augusta ein enges Verhältnis hatte, wollte ihrem Rat folgen und seinem Großvater nacheifern. Erst im Alter von 70 Jahren gab er seinen Kindern einige „interne Puncte“ preis, die das derbe Wesen Carl Augusts betrafen. Jener hatte den Enkel sowohl mit stolzem als auch kritischem Blick beobachtet, sollte er doch dereinst sein Werk fortsetzen. Welch harte Erziehungsmethoden dafür geeignet schienen, hatte sein Sohn Carl Friedrich zu spüren bekommen. Sie bewirkten allerdings das Gegenteil: Aus dem empfindsamen Prinzen wurde kein machtvoller Regent, sondern ein eher volkstümlicher Landesvater.

Anders die Großfürstin Maria Pawlowna. In der Tradition des russischen Kaiserhauses ließ sie ihrem Sohn eine umfassende Erziehung angedeihen. Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der bereits die Erziehung der Töchter Marie (1808-1877) und Augusta begleitet hatte, sollte auch ihrem Sohn als Vorbild dienen. „Ich könnte alles entbehren, nur Goethes Werke nicht“, soll Carl Alexander gegen Ende seines Lebens geäußert haben.

Walther Wolfgang von Goethe (1818-1885) und Wolfgang Maximilian von Goethe (1820-1883), die Enkel des Dichters, wurden seine Spielgefährten im Haus am Frauenplan. Das menschliche Wesen Goethes prägte sich dem Prinzen unauslöschlich ein. Als der „Adoptivgroßvater“ starb, war Prinz Carl Alexander keine 14 Jahre alt. Sein Erzieher Frédéric Jacob Soret (1795-1865) und sein Lehrer Johann Peter Eckermann (1792-1854) – beide von Goethe empfohlen – stilisierten den Dichterfürsten als „titanische Urgestalt“. Die Erziehung des sprachtalentierten Prinzen richtete sich vor allem auf Kunst und Literatur. In Vorbereitung seiner Regentschaft studierte er in Leipzig und Jena Geschichte, Rechts- und Naturwissenschaften. 1839 begab sich der Erbprinz auf Kavalierstour: nach Wien, Ungarn, England und in die Niederlande. Darauf folgten zwei Jahre militärische Ausbildung in Breslau. 1841 promovierte er zum Dr. jur.

Diez, Carl Alexander als Erbprinz
Diez, Carl Alexander als Erbprinz

Bereits 1834 unterbreitete der Berliner Publizist August Varnhagen von Ense (1785-1858) der einflussreichen Großfürstin Maria Pawlowna seine Denkschrift zur Gründung einer Goethe-Gesellschaft, die die Pflege des klassischen Erbes mit der Pflege und Förderung von Literatur, Sprache und Kunst verband. Außer dem mit der Leitung betrauten Fürstenhaus sollte sich der Kreis der Mitglieder aus Verehrern Goethes und allen „in der Literatur, Kunst und Geistesbildung Ausgezeichneten“ zusammensetzen. Vorläufig blieb es bei der Einrichtung der Dichterzimmer im Weimarer Residenzschloss.

1841 bzw. 1843 wurden Goethes Enkel Walther und Wolfgang volljährig. Wenig sensible Verhandlungen des Weimarer Staatskanzlers Friedrich von Müller (1779-1849) mit den Hinterbliebenen (die 1827 geborene Alma stand blieb bis zu ihrem frühen Tod 1844 unter Vormundschaft) vereitelten den Ankauf des Hauses am Frauenplan und damit die Überführung des Dichternachlasses in eine vom Deutschen Bund getragene Goethe-Nationalstiftung. WederAlexander von Humboldt (1769-1859) noch der Erbprinz Carl Alexander vermochten die Enkel zum Verkauf zu bewegen. So blieb Goethes Wirkungsstätte mehr als vier Jahrzehnte lang verschlossen.

Mit dem Tod Anna Amalias (1739-1807) endete das sogenannte Goldene Zeitalter, unter Maria Pawlowna begann ein Silbernes. 1842 kam der berühmte Klaviervirtuose Franz Liszt (1811-1886) nach Weimar und verhalf der Residenzstadt zu neuer Geltung. „Weimar ist nur eine kleine Stadt und doch eine Weltstadt“, schrieb Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785-1871) im Jahre 1845 in sein Tagebuch. Namhafte Musiker, Komponisten, Maler und Dichter folgten ...

Am 8. Oktober 1842 fand in Den Haag die Hochzeit des Erbprinzen Carl Alexander mit seiner Cousine, der Prinzessin Sophie von Oranien-Nassau (1824-1897), statt. Aus ihrer Ehe gingen ein Sohn (†1894) und drei Töchter hervor.

Zunächst wurden Reisen nach Russland, England und Italien unternommen. Im Sommer 1844 weckte das kunstsinnige Paar das Schloss Ettersburg zu neuem Leben – ganz in der „Musenhof“-Tradition der Urgroßmutter Anna Amalia. Im März 1848 wurde der Hof durch laute Proteste Weimarer Bürger erschreckt, die die Verbesserung ihrer Lebenssituation und demokratische Zugeständnisse forderten. 1850 trat eine revidierte Verfassung in Kraft. An seiner Neutralitätspolitik gegenüber Preußen hielt das Großherzogtum trotz dynastischer Verbindungen fest.

Zu Goethes 100. Geburtstag riefen Künstler und Gelehrte zu einer „allgemeinen deutschen Göthefeier“ auf. In vorderster Reihe wiederum Varnhagen von Ense. Die Pläne fielen der nachrevolutionären Zeit zum Opfer. Am 8. Juli 1853 verstarb der Großherzog Carl Friedrich, sein Sohn übernahm die Thronfolge. Mit dem offiziellen Regierungsantritt zu Goethes´ Geburtstag begann auch eine neue Gedenkkultur. Wolfgang und Walther von Goethe wurden zu Kammerherren ernannt, letzterer mit dem Hausorden vom Weißen Falken geehrt: Carl Alexander liebte seine „fein gesaitete und fein gebildete Seele“. Das Haus am Frauenplan wurde Walthers Lebensaufgabe. Am 15. April 1885 verstarb er. Zur Erbin des Goetheschen Familienarchivs bestimmte er die Großherzogin Sophie, zum Erben der Liegenschaften den Weimarischen Staat. Bereits am 8. August 1885 gründete der Großherzog das Goethe-Nationalmuseum. Am 3. Juli des folgenden Jahres konnte es eröffnet werden. Die Großherzogin Sophie veranlasste die Edition von Goethes handschriftlichem Nachlass und finanzierte die Errichtung des Goethe- und Schiller-Archivs.

Aufgrund seiner eher liberalen Ansichten galt Carl Alexander in aristokratischen Kreisen als Sonderling. Die einst als Staatsgefängnis benutzte Wartburg, den bedeutendsten Profanbau der Romanik, ließ der neue Regent umfassend rekonstruieren. Auf Anregung Maria Pawlownas schuf der Maler Moritz von Schwind (1804-1871) das monumentale Wandbild „Der Sängerkrieg“ (1855). Es zeigt eine mittelalterliche Szenerie um den Landgrafen Hermann, der – wie der Mäzen Carl Alexander – einen Musenhof um sich versammelt. Die Dargestellten erhielten die Züge namhafter Persönlichkeiten der deutschen Geschichte.

Dem Erbe seines Großvaters Carl August verpflichtet wollte der Enkel seine Residenz zu einer nationalen Kulturhauptstadt machen. „Eine Verbindung von solchen Geistern zu erreichen, welche die Kunst in Ihrer Heiligkeit erkennen und ausüben und sich dabei fest binden an den nationalen Boden – eine solche Verbindung wäre etwas Außergewöhnliches und Erfolgreiches. Dies aber ist entschieden die Aufgabe Weimars. Es hat sie erfüllt durch das, was von Weimar aus in Bezug auf Literatur und Wissenschaft geleistet worden ist, es bleibt ihm übrig, diese Aufgabe auf dem Felde der Kunst zu lösen“, heißt es in einem Tagebuchblatt des Jahres 1858. Im folgenden Jahr gelang ein fulminantes Fest zu Schillers 100. Geburtstag. Für die Großen Vier der Weimarer Klassik – Herder und Wieland sowie die Dioskuren Goethe und Schiller (beide in gleicher Größe und im Bürgerrock) – ließ Carl Alexander Denkmäler errichten. Am 3. September 1875 weihte er das Reiterstandbild für Carl August ein. 1860 gründete er die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule, in deren Umkreis sich die progressive Weimarer Mal- und Zeichenschule entwickelte. 1869 wurde das Großherzogliche (Neue) Museum eröffnet. Alle Einrichtungen sollten geistige Toleranz demonstrieren. Wer allerdings bei Hofe erschien, hatte Uniform anzulegen: goldbestickten Frack, Kniehosen, Schnallenschuhe und Degen. Schrieb Goethe nicht „Der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den Charakter“? (Wilhelm Meisters Wanderjahre)

L. Held, Das großherzogliche Paar Sophie und Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach am 8. Oktober 1892
L. Held, Das großherzogliche Paar Sophie und Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach am 8. Oktober 1892

Unter dem Druck Preußens sah sich das Großherzogtum gezwungen, seine Neutralitätspolitik aufzugeben. 1866 schloss sich Carl Alexander dem Krieg gegen Österreich und den Deutschen Bund an, 1870/71 nahm er als preußischer General am Krieg gegen Frankreich teil. Der mit der Gründung des Deutschen Reiches verbundene Prestigeverlust sollte durch Kunst und Kultur kompensiert werden. Das sogenannte Silberne Zeitalter beinhaltet die Pflege, museale und archivarische Bewahrung sowie Erschließung und Verbreitung kulturellen Erbes. Der Pragmatiker und Schöngeist, Mäzen und Politiker Carl Alexander wurde zu einer schillernden Persönlichkeit.

Das besondere Interesse des reisefreudigen Regenten galt Ostasien, weshalb er dem Schweizer Theologen Wilfrid Spinner (1854-1918) eine Missionarsreise nach Japan finanzierte. Die Auswanderungs- und Kolonisationsproblematik in Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre und Faust II verstand Carl Alexander als Freibrief für deutsches Engagement in Afrika und Übersee. 1875 ließ sich der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) in Weimar nieder, 1890 wurde ihm die Villa "Meinheim", Belvederer Allee 19 zum Geschenk gemacht. Als Protektor der Deutschen Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung Äquatorialafrikas unterstützte Carl Alexander verschiedene Expeditionen, namhafte Kolonisatoren ehrte er mit dem Hausorden vom Weißen Falken. Als das Großherzogspaar am 8. Oktober 1892 seine Goldene Hochzeit feierte, nahm es auch die Glückwünsche der Kolonialfreunde entgegen.

Carl-Alexander-Denkmal (Archivbild)
Carl-Alexander-Denkmal (Archivbild)

Mit dem Tod der Großherzogin Sophie am 23. März 1897 und des Großherzogs Carl Alexander am 5. Januar 1901 ging das Silbernes Zeitalter zu Ende. Die Geschicke Weimars und des Großherzogtums Sachsen (ab 1903) lagen nun in den Händen des 24-jährigen Enkels Wilhelm Ernst (1876-1923). Dank bedeutender finanzieller Mittel gestaltete er das Neue Weimar. An das Reiterdenkmal für seinen Großvater Carl Alexander erinnert ein leerer Sockel auf dem heutigen Weimarer Goetheplatz.

Dem 200. Geburtstag Carl Alexanders widmet das GoetheStadtMuseum Ilmenau bis 25. Februar 2018 die Ausstellung „Wilfrid Spinner - Schweizer Theologe in Japan und Thüringen. Seine Sammlung japanischer Kult- und Pilgerbilder“: https://www.ilmenau.de/145-0-GoetheStadtMuseum.htm...

Das Stadtmuseum Weimar zeigt ab April 2018 eine vom Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums unterstützte Ausstellung mit Bildnissen des Großherzogs: http://stadtmuseum.weimar.de/index.php?id=2

Im Nordflügel des Weimarer Stadtschlosses läuft von Mai bis Juli 2018 die Ausstellung der Klassik Stiftung „Chrysantheme und Falke. Carl Alexander und Japan – Weimar, Jena, Tokio“: http://www.klassik-stiftung.de/start/

*****


Quellen:

Ehrlich, Lothar/Ulbricht, Justus H. (Hrsg.): Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. Erbe, Mäzen und Politiker. Böhlau Verlag Köln 2004

Seemann, Annette: Weimar. Eine Kulturgeschichte. Verlag C. H. Beck oHg München 2012

Müller, Gerhard: Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. Dynastische Tradition und Kulturpolitik. In: Hellmut Th. Seemann, Thorsten Valk (Hrsg.): Das Zeitalter der Enkel. Kulturpolitik und Klassikrezeption unter Carl Alexander. Jahrbuch der Klassik Stiftung Weimar 2010. Wallstein Verlag Göttingen 2010, S. 68–100.

Abbildungsnachweis:

( 1 ) Louis Held, Großherzog Carl Alexander © Klassik Stiftung Weimar

( 2 ) Friedrich Samuel Diez, Carl Alexander als Erbprinz,

Grafit, Pinsel in grau, laviert, 1850 © Klassik Stiftung Weimar

( 3 ) Louis Held, Das großherzogliche Paar Sophie und Carl Alexander

von Sachsen-Weimar-Eisenach am 8. Oktober 1892 © Klassik Stiftung Weimar

( 4 ) Carl-Alexander-Denkmal (Archivbild). Quelle: www.weimarpedia.de