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Okzident und Orient
Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert

Klaus-Werner Haupt

In siebzehn Kapiteln werden neunzehn Persönlichkeiten des langen 19. Jahrhunderts vorgestellt, deren Texte, Bilder und Erfindungen deutlich machen: Okzident und Orient sind nicht zu trennen.

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Jürgen Jäger

Jürgen Jäger

Klaus-Werner Haupt

Gartendirektor i. R. und Visionär

Auf ungewöhnliche Weise ehrte die Klassik Stiftung Weimar/Abteilung Gärten den 80. Geburtstag ihres Gartendirektors i. R. Jürgen Jäger. Am 28. Mai 2015 pflanzte sie im Park Tiefurt (seit 1998 UNESCO-Welterbe) einen durch seine panaschierte Blattfarbe auffallenden Ahornbaum nach. Dessen Vorgänger war nämlich dem Hochwasser vom Frühjahr 2013 zum Opfer gefallen. Jürgen Jäger freute diese Art der Ehrung, denn von 1969 bis 2000 hatte er die Pflege der historischen Gärten und Parkanlagen in und um Weimar zu seiner Lebensaufgabe gemacht.

Der diplomierte Gartenbauingenieur begann im September 1966 zunächst als Leiter der Arbeitsgruppe Gärten und Parks in Bad Lauchstädt. Am 1. Januar 1969 wurde er von Helmut Holtzhauer (1912-1973), dem damaligen Generaldirektor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur (seit 2006 Klassik Stiftung Weimar) zum Leiter der Gartendirektion nach Weimar berufen. Erhaltung und Regenerierung der Landschaftsparks beschäftigen jede Generationen aufs Neue. Zu den vordringlichsten Aufgaben zählten damals die Erforschung, Vermessung, Auslichtung und Nachpflanzung der Bestände. Dabei konnten Jäger und seine Mitarbeiter aus dem Erfahrungsschatz namhafter Gartenkünstler wie Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871), Eduard Petzold (1815-1891), Julius Hartwig (1823-1913), seines Namensvetters Hermann Jäger (1823-1913) sowie des Gartenarchitekten Hermann Schüttauf (1890-1967) schöpfen. Der intensive Gedankenaustausch mit KollegInnen in Potsdam, Wörlitz, Cottbus und Bad Muskau half, auch die einst vorhandenen Sichtbeziehungen zu den zahlreichen Parkarchitekturen wiederherzustellen. Die in Thüringen geleistete denkmalpflegerische Arbeit wird unter anderem in der Publikation Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau. Gartenkunst und Denkmalpflege (1989) dokumentiert.

Gartendenkmale im Park Tiefurt
Gartendenkmale im Park Tiefurt

Aber nicht nur durch mehr als dreißig Publikationen, auch durch zahllose Vorträge und Führungen ließ Jürgen Jäger die Öffentlichkeit an seinen Visionen teilhaben. Ab 1971 lud er jährlich (mit nur einer witterungsbedingten Ausnahme!) zu einem ausgiebigen Osterspaziergang. An jedem Samstag vor dem Osterfest trafen sich bis zu zweihundert an Natur und Landschaft Interessierte, die Wind und Wetter trotzten und dem Gartendirektor wissbegierig folgten. Gab es doch viel Lehrreiches und Unterhaltsames zu erfahren: über Auslichtung und Erneuerung des Gehölzbestandes, Zierpflanzen und Wildkräuter, Obst- und Gemüsesorten. So hörte man auf dem Weg zum Küchengarten des Schlossparks Belvedere, dass Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) gern am Angebot des Weimarer Wochenmarktes herumnörgelte. Artischocken und „türkischen Weizen“ (Mais) ließ er sich lieber von seiner Mutter aus Frankfurt schicken. Die Teltower Rübchen, eine Winterdelikatesse, bestellte er bei seinem Duzfreund Carl Friedrich Zelter (1758-1832) in Berlin.

Im Schlosshof von Belvedere wies Jäger auf einen ausladenden Baum mit zarten gelben Blüten, eine Kornelkirsche. Deren Früchte hatte er gesammelt und daraus mit seiner Frau Helga (1935-2016) Marmelade gekocht. In der Orangerie kamen die Spaziergänger in den Genuss dieser hausgemachten Köstlichkeit. Die Belvedere-Tour endete meist am zwei Kilometer entfernten Hainturm. Den Bau dieses 13,73 Meter hohen Aussichtsturmes hatte die Großherzogin Maria Pawlowna (1786-1859) im Jahre 1828 veranlasst. Heute bemüht sich die Hainturmgesellschaft um die Erhaltung und Nutzung des Bauwerks. http://www.hainturm-weimar.de/

Grundstück Marienstraße 17 A.
Grundstück Marienstraße 17 A.

Nach mehr als vier Jahrzehnten ging die Ära der Osterspaziergänge zu Ende. Am 30. März 2013 führte der fast 78-jährige Gartendirektor i. R. letztmalig durch den von ihm favorisierten Landschaftspark Schloss Ettersburg, bekannt durch den legendären Pücklerschlag.

Ein Anziehungspunkt für viele Besucher der Stadt Weimar ist das Liszt-Haus. Es wurde 1798/99 als Hofgärtnerhaus errichtet und 1819 durch den Baumeister Clemens Wenzeslaus Coudray (1775-1845) umgestaltet. Von 1844 bis 1852 wohnte hier der leitende Großherzoglich-Weimarer Hofgärtner Eduard Petzold (1815-1891). Ab 1869 diente das Gebäude dem Komponisten Franz Liszt(1811-1886) als Sommerhaus. Gleich nebenan, auf dem idyllisch gelegenen Grundstück Marienstraße 17 A, hat der vitale Gartendirektor i. R. Jürgen Jäger sein Domizil. Hof und Garten sind stets der Jahreszeit entsprechend gestaltet und erfreuen alle, die Sinn für den kreativen Umgang mit der Natur besitzen.

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Abbildungsverzeichnis

( 1 ) Jürgen Jäger. Foto © Haupt (2017)

( 2 ) Gartendenkmale im Park Tiefurt. Foto © Haupt (2017)

( 3 ) Grundstück Marienstraße 17 A. Foto © Haupt (2017)