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Ingrid Annel
Glücksdrachenpech

Schaurige, lustige, gruselige und witzige Geschichten von Wassermännern, Drachen, Irrlichtern und dem Teufel, mit Illustrationen von Marga Lenz

Auch als E-Book erhältlich 

Nachlauschen

Nachlauschen

Ursula Krieger

Die Pilgerin hatte sich die Klosterkirche angesehen, war staunend den Flechtornamenten an den Säulenkapitellen in ihren Verschlingungen gefolgt. Nun tritt sie in den Arkadengang, der sich um den schattigen Innenhof schließt. Ein Gartenparadies! Sie betrachtet die Blumenfülle: Wunderbar aufeinander abgestimmt in ihren Farben sind die Pflanzen und Sträucher. Auch im Säulengang sieht sie Besonderes: Die gedrehten Säulen scheinen wie aus Stein geflochten. Sie meint, die Zeit berühren zu können.

An einer Säule sieht sie ihn sitzen. Das bärtige Kinn auf der Brust, wie im Schlaf. Die Hand auf dem Rucksack. Sollte sie ihn wecken? Bald würde abgeschlossen. Langsam durchschreitet sie das Wechselspiel von Licht und Schatten. Als sie wieder zu dieser Säule kommt, sitzt er noch immer. Sie tippt ihn an: Gleich wird die Pforte zugesperrt! Der Pilger blickt hoch, ist hellwach: Ich bleib hier sitzen, lass mich einschließen. Sie bückt sich hinunter: Hier ist keine Herberge. Ich weiß, sagt er, legt seinen Arm um den Rucksack und greift nach der Stirnlampe, die seitlich eingehängt ist. Ich hab alles. Dann alles Gute – Buen Camino! Nachdenklich schließt sie das schwere Tor.

In der Herberge grübelt sie lange noch, warum dieser Bärtige an der Säule geblieben war. Wenn der Zufall es wollte, würde sie ihn auf dem Weg wieder treffen, könnte ihn fragen nach dem Warum. Schon am nächsten Tag ergibt es sich, dass sie ihm wieder begegnet auf diesem Weg, der über die Jahrhunderte hin so viele Geschichten gehört und ausgehalten hat.

Lange gehen sie schweigend nebeneinander; sie bemüht sich, mit ihm Schritt zu halten.

Nur wenige Schritte vom Weg entfernt steht eine verfallene Scheune, deren Lehmmauern von einer Kastanie überschattet werden. Sie zeigt auf den dicken Stamm: Eine Pause? Er nickt. Die Rucksäcke stellen sie ins vertrocknete Gras zwischen Federn und Lehmbrocken und setzen sich an den Baumstamm. Sie essen, trinken, schweigen – schauen über die endlos scheinenden Felder, sehen in den Himmel, der dieses unwirkliche Blau hat.

Aus der Seitentasche seiner grauen Hose zieht der Pilger ein zusammengerolltes Heft. Er lehnt sich an die rissige Rinde, blättert, sucht eine bestimmte Stelle – scheint zu lesen, schließt die Augen und sagt: Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen … immer laufen mir diese Gedanken nach …

Wenn du lesen magst? Er reicht ihr das aufgeschlagene Heft. Sie sieht die dicht beschriebenen Zeilen, die kleine gleichmäßige Schrift, die genau an der Randlinie aufhört, erkennt auf dem Randstreifen untereinander die winzigen Zeichnungen: Augen, Herzen, Münder, Spiralen …

Sie hebt den Kopf und blickt hinauf ins Blätterdach – kann aus den Augenwinkeln erkennen, dass auch er ins dichte Grün schaut. Dann beginnt sie still für sich zu lesen:

… mit der Gruppe in diesem Lager … riesige Baracken, einst Pferdeställe … bleibe zurück … werde nicht vermisst, setze mich auf einen Steinblock … warte, warte … letztes Licht durch die Spalten, kauere im Dunkel … Wind durch die Ritzen … zittere ...

Er beugt sich, während sie liest, immer weiter vor, zieht Spiralen in den Lehmstaub, dreht sich zu ihr hin und greift schnell nach dem Heft. Er rollt es eng zusammen: Ich seh mich noch sitzen … Staub steigt mir in die Nase, das Niesen unterdrücke ich. Diese Stille … ich kann die Geschundenen hören … sie flüstern, zischeln, schlurfen, ächzen. Immer ächzen sie in dieser Stille… am Morgen war ich kalt … wie der Stein … mit den ersten Besuchern ging ich mit …

Er lehnt sich an den Stamm, atmet tief ein und scheint nur für sich zu sprechen: Immer war ich ein Einzelner, setz mich stets allein – spiel gegen mich Schach. Mancher wollt mein Gegenüber sein. Nein – nur ich gegen mich. Nun will ich in den Kirchen, den Klosterhöfen lauschen, was die Steine mir flüstern, möcht den Nachhall der Schritte hören aus vergangener Zeit - das Murmeln der Gebete, das Raunen, das Zittern der Luft, wenn die Glocken schwingen …

Die Pilgerin schaut ihn an - ist zu keiner Frage fähig. Versteht ihn nicht. Versteht ihn. Langsam erhebt er sich, nimmt den Rucksack auf den Rücken. Als er weitergeht, bleibt sie im Schatten der Kastanie stehen.

*****

Bildquelle:

Pilgerweg Urheber: Didgeman via pixabay.com, gemeinfrei