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erdlebenbilder

Gedichte aus fünfzig Jahren 1954-2004

Wulf Kirsten

Eine Sammlung von Gedichten Wulf Kirstens aus den Jahren 1954 bis 2004 enthält dieser Band mit dem Titel „erdlebenbilder". Die Gedichte zeigen, wie wichtig dem Autor die Sprache ist und wie er mit ihr Orte, Landschaften und Geschehnisse einfängt. Wer sich auf Kirstens Kunstformen einlässt, wird die Sammlung mit viel Gewinn lesen.

Wulf Kirsten

Mit Sprache Landschaften und Geschehnisse einfangen

Bei vielen Literaturbeflissenen gilt er als einer der ganz Großen und seine Werke erschienen im renommierten Züricher Amman-Verlag. Er ist Träger vieler Preise und Auszeichnungen, so des Peter Huchel - und des Weimar-Preises, des Literaturpreises der Konrad Adenauer-Stiftung sowie des Joachim-Ringelnatz-Preises. Populär ist der Dichter, der am 21. Juni 2014 80 Jahre alt wird, allerdings (bisher) nicht geworden. Das liegt, so vermute ich, an drei K´s: seiner Konsequenz, Kompromisslosigkeit und Knorrigkeit. Er hat viel geschrieben, vor allem ein umfangreiches lyrisches Werk verfasst. Doch selbst studierten Literaturwissenschaftlern, die ich darum gebeten hatte, fällt es nicht leicht, seine Gedichte zu interpretieren. Von der Schule her sind wir es gewohnt, in der Lyrik nach Reim, Rhythmus und Wortklang zu suchen. Die finden wir in Kirstens Gedichten nicht. Was seine stilistische Einordnung anbetrifft, so hat er mir zugestimmt, als ich ihm sagte, dass ich bei ihm Merkmale des Spätexpressionismus entdeckt hätte. Er hat es strikt abgelehnt, zur Postmoderne zu gehören und ist im Gespräch auf einen expressionistischen Verismus zugesteuert. Immerhin nennt er vier Autoren, die ihm Vorbilder oder besonders wichtig für ihn waren: Martin Luther als Sprachgeber, Gottfried Benn als Theoretiker und Johannes Bobrowski und Wilhelm Lehmann als Lyriker.

Expressionistischer Verismus würde bedeuten, dass es ihm in seiner Literatur darum geht, innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse auszudrücken. Das, was sein Vorbild Wilhelm Lehmann über sich gesagt hat, kann auch für Wulf Kirsten gelten: „Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, dass alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer wieder herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte - Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand". Dem folgt Kirsten sehr konsequent, aber nicht, wie wirs gewohnt sind, über Reim, Rhythmus und Wortklang, sondern durch die Sprache.

Unter diesem Gesichtspunkt nur kann man seine Gedichte verstehen. Man muss sie, so erging es jedenfalls mir, mehrmals lesen, sich auf seine Sprachkunst einlassen und wird dann plötzlich vieles mitvollziehen und neu oder anders sehen. Die Lektüre seines Gedichts über die mir sehr vertraute Saarschleife („Der Fluss") hatte zum Beispiel bei mir diesen Effekt. Als ich seine Erzählung „Schulspeisung"* und die darin beschriebene Szene las, in der junge Burschen sich ein Brot teilen, überkam mich plötzlich ein unwiderstehliches Verlangen nach einem frisch gebackenen Bauernbrot. Auch dazu ist seine Sprache in der Lage.

Wer allerdings heute auf Sprachkunst setzt, hat im Zeitalter der Netzwerkkommunikation gegenüber dem dort vorherrschenden Stakkato-Stil bzw. den User-Dialekten einen schweren Stand. In der Gegenwart scheint es für die Sprache an Zeit zu fehlen.

Was sich neben der Liebe zum sprachlichen Ausdruck in den Werken Kirstens besonders herausstellt, ist die Beschäftigung mit Landschaften. Er ist in herausragender Weise ein Dichter von Landschaften. Mit seiner Sprache sucht er Landschaften zu erfassen und mit ihnen die Menschen, die dort leben und die Ereignisse, die darin stattgefunden haben. Es finden sich bei ihm viele Bezugnahmen auf historische Geschehnisse und auch auf die Bibel. Damit setzt er Kenntnisse voraus, die nicht jeder Leser haben kann. Auch das erschwert die Lektüre seiner Werke.

Man muss sich Zeit nehmen für Wulf Kirsten, aber wer sie sich nimmt, wird daraus Gewinn ziehen und es nicht bereuen.

Seine Liebe zur Sprache hat sich bei ihm während seines Studiums an der Leipziger Universität herausgebildet. Als er dort in den Jahren 1960-64 Deutsch und Russisch studierte, war sie eine Hochburg der Germanistik. Es lehrten und wirkten dort unter anderem Hans Mayer, Theodor Frings, Walter Dietze und Wolfgang Brekle.

Wulf Kirsten kam am 21. Juni 1934 in Klipphausen bei Meissen zur Welt. Sein Vater war Steinmetz. Die Begegnung mit der Literatur ergab sich für den Sohn zunächst vor allem durch den Bücherschrank seiner Großmutter. Hier konnte er schmökern, fand auch manche Trivialliteratur, die er, wie er erzählt, gerne las und für die er der Oma heute noch dankbar ist. Nach dem Besuch der Oberschule absolvierte er bis 1952 in Meissen eine Lehre als Handelskaufmann. Anschließend war er ein Jahr als Bauhilfsarbeiter und 4 Jahre als Buchhalter bei einer Konsumgenossenschaft tätig. 1957 wurde er an die Arbeiter- und Bauern-Fakultät in Leipzig delegiert. Dabei handelte es sich um eine Einrichtung in der ehemaligen DDR, in der begabte Arbeiter- und Bauernkinder die Hochschulreife erlangen konnten. 1960 begann er ein Lehrerstudium für Deutsch und Russisch, war ein Jahr lang als Lehrer und Referent für Bauwesen in Freiberg/Sachsen tätig und danach 22 Jahre lang, von 1965 bis 1987, als Lektor des Aufbauverlages. Der war der größte belletristische Verlag in der DDR und hatte Geschäftssitze in Berlin und Weimar. In Weimar lebt und wirkt Wulf Kirsten bis heute.

Sein Werk ist umfangreich. Es umfasst zahlreiche Gedichtbände sowie Erzählungen, Essays und Reden. Als Lektor und Herausgeber hat er sich vielfältig engagiert, mit vielen anderen Schriftstellern zusammengearbeitet und junge Autoren gefördert. 

Verwundert und zornig reagiert er auf die Entwicklung des Literaturbetriebs im heutigen Deutschland und darauf, dass Verlage glauben, ihre Startauflagen auf 500 Exemplare beschränken zu müssen. Er, der zur Wendezeit in Weimar die Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum" anführte, hat sich von der deutschen Vereinigung offenbar mehr Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten erwartet. Das macht er, so höre ich von Freunden, in vielen Gesprächen auf eine Art deutlich, die man als „knorrig" bezeichnen möchte. Dahinter steckt eine hohe Sensibilität. Gegen den Mainstream der Gegenwart will er die deutsche Sprache hochhalten, entfalten, „geschmeidig und präzise" machen. Dabei stellt er elitäre Ansprüche und wehrt sich dagegen, mit Dilettanten gleichgesetzt zu werden. Bei allem wirkt er persönlich bescheiden und freut sich, wenn er Menschen begegnet, die seine Anliegen und sein Denken und Wollen mit ihm teilen. Hofhaltung ist seine Sache nicht. Bei den zu erwartenden Feiern und Ehrungen anlässlich seines 80. Geburtstags wird er, wie er sagte, „neben sich stehen". Er behauptet von sich, ein Auslaufmodell zu sein und dass er sein literarisches Lebenswerk für abgeschlossen halte. Was meinen Kollegen und mir im Gespräch mit ihm auffiel, war jedoch, dass er noch eine Menge mitzuteilen hat. Er schweift gerne aus, kehrt jedoch stringent immer wieder zum Thema zurück. Alle Teilnehmer haben es bedauert, als das Gespräch mit ihm zu Ende war.

Wulf Kirsten selbst kann am besten sein Kunstverständnis erklären. Wenn es denn möglich wäre, müssten seine Verlage (sein Hauptwerk wird vom S. Fischer Verlag betreut) mit seinen Büchern auch ihn mit versenden, bzw. „ausliefern", wie es ja im Verlagsgeschäft heißt. Dann würden auch die Verkaufszahlen bald steigen. Wulf Kirsten ist eine nie langweilende Persönlichkeit, ein interessanter Mann, Dichter und Autor.

*****

* Wulf Kirsten: Die Prinzessin im Krautgarten, Amman Verlag, Zürich 2000.

Fotos: ©Jürgen Bauer | juergen-bauer.com