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Klaus W. Haupt
Die zwei Federn des Johann Winckelmann. Oder: Wer sein Glück erkennt und
nutzt, der ist wert!

Bildhafte Sprache im Kontext von biografischem Hintergrund sowie
gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Anerkennung steht im Mittelpunkt des
Sachbuches.

Carl Ludwig Fernow

Carl Ludwig Fernow

Klaus-Werner Haupt

Carl Ludwig Fernow, geboren 1763 in Blumenhagen bei Pasewalk, folgte im September 1803 dem Ruf an die Universität Jena. Ein Jahr später erhielt er von der Herzoginmutter Anna Amalia die Stelle ihres verstorbenen Bibliothekars Christian Joseph Jagemann. Fernows fast zehnjährige Italienerfahrung, seine umfassenden Sprach- und Literaturkenntnisse und sein angenehmes Wesen warben für ihn. Nicht zuletzt führte er einen wertvollen Schatz mit sich: dreißig ihm hinterlassene Zeichnungen seines Freundes Asmus Jacob Carstens und eine zweitausendbändige Bibliothek in italienischer Sprache...

Als der Maler Carstens im Frühjahr 1788 beschloss von Lübeck nach Berlin zu gehen, gab sein Freund Fernow den Apothekerberuf auf. In Ludwigslust, der Residenzstadt des Herzogs Friedrich zu Mecklenburg, lebte der 25-Jährige zunächst von Zeichenunterricht und Porträtmalerei. Dort begegnete er auch seiner ersten großen Liebe, die ihn mit Aussicht auf eine Karriere als Kupferstecher nach Weimar lockte. Die Träume zerschlugen sich bald. Fernow ging von Weimar ins benachbarte Jena, wo Professor Karl Leonhard Reinhold über die Kantische Philosophie las. In Reinholds Haus lernte er 1793 Jens Immanuel Baggesen, den „dänischen Wieland", kennen, der ihn zu einer Reise durch die Schweiz und Österreich nach Italien einlud.

Im August 1794 reiste Fernow ein zweites Mal nach Italien. In Rom wollte er endlich seinen Freund Carstens wiedertreffen. Bei ihm lebte er bis zum April 1795, dann bezog Carstens das Atelier des verstorbenen Malers Pompeo Batoni. Dank einer Pension von finanzkräftigen Gönnern war Fernows Aufenthalt für die folgenden zwei Jahre gesichert. An die Stelle praktischer Ausübung trat nun die theoretische Auseinandersetzung mit der Kunst. Er erweiterte Winckelmanns klassizistische Kunsttheorie und hielt Vorlesungen über Immanuel Kants ästhetische Theorien, so zur Kritik der Urteilskraft. Desweiteren verfasste er Korrespondenznachrichten für Christoph Martin Wielands Neuen Teutschen Merkur, studierte Sprache und Literatur Italiens und legte eine umfangreiche Bibliothek an. Schließlich heiratete er die junge Römerin Maria Teresa Finzi und träumte „in blauer Ferne" davon, den Unterhalt der Familie künftig als Bibliothekar in Weimar zu bestreiten.

Dank Vermittlung des Konsistorialrats Karl August Böttiger erfolgte 1802 seine Berufung als außerordentlicher Professor an die Universität Jena. 1803 reiste Fernow nach Deutschland, konnte seinem Lehrauftrag jedoch nur ein Wintersemester lang nachkommen. Er litt unter einem Aneurysma (Pulsadergeschwulst), das mit Fieberanfällen verbunden war. Dankbar nahm er im Juni 1804 die frei gewordene Bibliothekarsstelle bei der Herzoginmutter Anna Amalia an. Deren Hof hielt sich im Sommer in Tiefurt auf. Am 4. Juni 1804 schrieb Fernow an Böttiger, den dortigen Park fände er „in Rücksicht auf bloßen Naturgenuß schöner als die Villa Borghese bei Rom".

Park Tiefurt mit Monopteros
Park Tiefurt mit Monopteros

In Weimar entwickelte sich neben dem Umgang mit prominenten Zeitgenossen eine enge Freundschaft mit Johanna Schopenhauer, der Mutter von Arthur Schopenhauer. Deren geselligen Kreis im Haus der Hofrätin Ludecus (Theaterplatz 1) besuchte Fernow regelmäßig. Er veröffentlichte seine Italienische Sprachlehre für Deutsche (1804) und eine Anthologie italienischer klassischer Autoren. Seine dreibändige Aufsatzsammlung Römische Studien (1806/08) fand weniger Interesse. Lebhaft begrüßt wurde dagegen die Biografie Leben des Künstlers Asmus Jacob Carstens, ein Beitrag zur Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts (1806).

Darin betont Fernow die Unerschöpflichkeit der Quellen der Kunst. Es sei notwendig, dass der Künstler neue Charaktere erfinde und durch sie die Sphäre des Kunstideals erweitere. Nach der Beteiligung an Goethes Schrift Winckelmann und sein Jahrhundert (Tübingen 1805) editierte Fernow selbst Johann Joachim Winckelmanns gesammelte Werke (Dresden 1808). Es sollte sein letztes Projekt werden. Am 21. September 1808 verstarb seine Frau. Der älteste Sohn (6) fand Aufnahme bei der Familie des Pfarrers Ludwig Wilhelm Gottlob Schlosser in Drackendorf (heute Ortsteil von Jena), der zweite (3) bei der Familie des Enzyklopädisten Johann Gottfried Gruber in Weimar. Dem unheilbar kranken Fernow bot die Schriftstellerin und Salonnière Johanna Schopenhauer Unterkunft und Pflege. Bereits in der Nacht vom 4. zum 5. Dezember 1808 verstarb auch er. Zwei Jahre später veröffentlichte Johanna Schopenhauer ihre Biografie Carl Ludwig Fernow's Leben (Tübingen 1810), gewidmet dem regierenden Herzog Carl August, "dem Pfleger jedes Guten, dem erhabenen Beschützer der Wissenschaften und Künste". Der Herzog hatte die 1600 Bände umfassende Bibliothek des Verstorbenen ankaufen lassen, die Summe kam dessen verwaisten Söhnen als Erziehungsgeld zugute.

Fernow erlangte nicht nur Bedeutung für die Entwicklung einer klassizistischen Kunsttheorie, sondern auch für die Herausbildung der deutschen Italianistik. Ein Gedenkstein an der Nordseite der Jakobskirche und seine Büste in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek erinnern an ihn.

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Abbildungsnachweis:

( 1 ) Gerhard von Kügelgen, Carl Ludwig Fernow (1806).
( 2 ) Park Tiefurt mit Monopteros (Foto: K. Haupt)