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Die zwei Federn des Johann Winckelmann. Oder: Wer sein Glück erkennt und nutzt, der ist wert!

bildhafte Sprache im Kontext von biografischem Hintergrund sowie gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Anerkennung steht im Mittelpunkt des Sachbuches.

Johann Joachim Winckelmann

Johann Joachim Winckelmann

Klaus-Werner Haupt

Winckelmanns Ermordung am 8. Juni 1768 in Triest löste bei seinen altertumsinteressierten Verehrern einen Schock aus. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau erhielt die Nachricht in Wörlitz. Johann Wolfgang Goethe, der als Student in Leipzig Zeichenunterricht nahm, war durch den Maler Adam Friedrich Oeser mit Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst (1755) vertraut gemacht worden. Nach einem Jahrzehnt in Diensten des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, wollte Goethe seinen „heißen Durst nach wahrer Kunst" stillen: Von 1786 bis 1788 gönnte er sich eine Auszeit in Italien. Mit der in Rom erworbenen italienischen Übersetzung der Geschichte der Kunst des Alterthums ließ sich Goethe an „Winckelmanns dauerhaftem Faden" durch die verschiedenen Kunstepochen leiten.

Winckelmanns Hauptwerke, darunter die Monumenti antichi inediti (1767), zählten auch zur Bibliothek der Herzoginmutter Anna Amalia. Der Dank dafür gebührte ihrem Bibliothekar Christian Joseph Jagemann. Jener publizierte die Gazetti di Weimar (1787/89) in italienischer Sprache, veröffentlichte ein populäres zweisprachiges Wörterbuch und war ein ausgezeichneter Kenner der Schriften Winckelmanns. Die Wärme und Leichtigkeit seines Schreibstils machten Winckelmann zum Begleiter der gebildeten Gesellschaft.

Nicht zuletzt die ihr von Hofrat Hieronymus Dietrich Berendis, einem Freund Winckelmanns, überlassenen Briefe aus Italien beflügelten Anna Amalia, von 1788 bis 1790 selbst durch das „Land, wo die Zitronen blühen" zu reisen. Als früher Baedeker galten Johann Jakob Volkmanns Historisch-kritische Nachrichten von Italien (1770/71). Der begehrte Reiseführer enthielt Winckelmanns Beschreibungen antiker Baudenkmäler und wurde von Goethe, Anna Amalia, Herder und anderen Italienreisenden ausgiebig genutzt.

Trotz einiger Einschränkungen bestand für Johann Gottfried Herder die Bedeutung Winckelmanns darin, die natürliche und gebildete Denkart der Griechen wieder lebendig gemacht zu haben. Herder forderte einen Winckelmann der Dichtkunst, der „den Tempel der Griechischen Weisheit und Dichtung" eröffne. 1778 erschien seine ungekrönte Preisschrift Denkmal Winckelmann´sChristoph Martin Wieland, zunächst selbst Winckelmann-Verehrer, kritisierte in seinen Gedanken über die Ideale der Alten (1777) die überspannte Meinung vieler Zeitgenossen von der Vorbildlichkeit der Griechen. Er favorisierte das antike Leben und die römische Literatur.

Geschichte der Kunst des Altertums, 1764
Geschichte der Kunst des Altertums, 1764

1778 war Friedrich Schiller auf der Stuttgarter Karlsschule mit Winckelmanns Geschichte der Kunst des Alterthums bekannt geworden. Sechs Jahre später ergötzte er sich im Mannheimer Antikensaal an den von Winckelmann und Lessing gerühmten Kunstwerken des antiken Griechenland. Es entstand der Wunsch, auch etwas zu schaffen, das die Zeiten überdauerte. 1788 erregte sein Gedicht Die Götter Griechenlands die Aufmerksamkeit des aus Italien heimgekehrten Dichterfürsten. Inspiriert von Winckelmanns Sendschreiben [...] und Nachrichten von den Herculanischen Entdeckungen folgten die beiden Gedichte Pompeji und Herkulaneum (1790). Schiller schätzte Winckelmanns Werke: Die Verbindung von literarischen Quellen und aktuellem Kontext zeugte von einem hochgeschätzten Gelehrten seiner Zeit.

Im Sommer 1797 maßen sich Goethe und Schiller in einem friedlichen Wettstreit: Balladen, erzählende Gedichte, sollten dem genusssüchtigen Publikum die antiken Werte nahebringen. Seine Krankheit hinderte Schiller schließlich daran, an Goethes Schrift Winckelmann und sein Jahrhundert (Tübingen 1805) mitzuarbeiten. Die Aufsätze der Weimarischen Kunstfreunde Johann Heinrich MeyerKarl Ludwig Fernow und Friedrich August Wolf sowie ein Einschub Wilhelm von Humboldts trugen zum Erfolg der Publikation bei.

Mit Goethes und Meyers Hilfe begann der Kunsttheoretiker Fernow, ab 1804 Bibliothekar Anna Amalias, Winckelmann´s Werke als Gesamtausgabe zu editieren.

Winckelmanns Sicht auf die griechische Antike und deren humanistischen Ideale wirkte weit über die Literatur der Weimarer Klassik hinaus. In Weimar und am Tiefurter Musenhof entstanden zahlreiche Bauten und Kunstwerke nach griechisch-römischem Vorbild. Von 1791 bis 1797 wurde unter Leitung Goethes ein Refugium für Herzog Carl August errichtet, das Römische Haus. Während der ilmseitige Unterbau von dorischen Säulen getragen wird, betritt der Besucher das Haus durch einen Portikus mit vier ionischen Säulen. Die Wand- und Deckenmalereien stammen von Johann Heinrich Meyer. Das nach dem Vorbild antiker römischer Villen errichtete Römische Haus gilt als klassizistischer Musterbau. Selbst im Gelehrtenstreit mit den Romantikern hielten Goethe und sein „Kunschtmeyer" unbeirrt an ihren Auffassungen fest.

Römisches Haus im Park Dorische SäulenPortikus mit ionischen SäulenWinckelmann und sein Jahrhundert

1776 wurde auf Initiative des Unternehmers Friedrich Justin Bertuch und des Malers Georg Melchior Kraus im Roten Schloss die Fürstlich freie Zeichenschule gegründet. 1807 übernahm Johann Heinrich Meyer die Stelle des Direktors. Am 3. September 1809, zum Geburtstag des Herzogs Carl August, wurde - nun im Fürstenhaus - die erste öffentliche Gemäldeausstellung eröffnet. Als größtes Bildnis beeindruckte das von Anton von Maron in Rom geschaffene Porträt Johann Joachim Winckelmanns (1768). Heute bereichert es die Kunstsammlungen im Weimarer Stadtschloss.

Mit seinem wissenschaftlichen Werk schuf Winckelmann sowohl die Grundlagen der neueren Kunstwissenschaften als auch der archäologischen Forschung und Methodik. Goethes Italienische Reise (1817) enthält zahlreiche Rückbezüge auf seine Schriften und Briefe. Am 16. Januar 1818 schrieb Goethe an den Heidelberger Kunsthistoriker Sulpiz Boisserée: „Winckelmanns Weg, zum Kunstbegriff zu gelangen, war durchaus der rechte, Meyer hat ihn ohne Wanken streng verfolgt, und ich habe ihn auf meine Weise gern begleitet."

Und am 11. April 1827 erfuhr sein Vertrauter Johann Peter Eckermann: „Seine [Meyers] Kunstgeschichte ist ein ewiges Werk; allein er wäre das nicht geworden, wenn er sich nicht in der Jugend an Winckelmann hinaufgebildet hätte und auf dessen Wege fortgegangen wäre. Da sieht man abermals, was ein großer Vorgänger tut und was es heißt, wenn man sich diesen gehörig zunutze macht."

Winckelmanns Beispiel beweist, dass ein Vorhaben nur mit Enthusiasmus zum Erfolg geführt werden kann. Die beiden Federn, die er zu führen verstand - die kämpferische Vitalität und die poetische Bildlichkeit seiner Sprache - sind noch immer das offene Geheimnis wirkungsvoller Polemik!

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Bildquellen:

Titelbild, Angelika Kauffmann, Winckelmann als Antiquar (1764), gemeinfrei

Geschichte der Kunst des Altertums, 1st ed. 1764, gemeinfrei

4 Fotos vom Römischen Haus, Klaus-W. Haupt