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Christoph Werner
Schloss am Strom

Die Geschichte vom Leben und Sterben des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel.
Erschienen im Bertuch-Verlag 2004.

Theodor Plievier

Theodor Plievier

Christoph Werner

Theodor Plievier – Schriftsteller und Menschenfreund

Im Juni 1922, eine Woche nach dem Mord an Walter Rathenau, der noch Stadtgespräch war, konnten die Weimarer auf ihrem Marktplatz einen merkwürdigen Propheten hören. Er hatte helle Augen, einen rotblonden Bart und trug einen alten Militärmantel und Sandalen an den bloßen Füßen. Die Leute gingen kopfschüttelnd an ihm vorbei, denn es gab zu dieser Zeit der Propheten viele. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und mancher vorher für ewig gültig gehaltenen Werte herrschte geradezu eine Hochkonjunktur an Heilsbringern, deren fürchterlichster allerdings noch nicht deutlich in Erscheinung getreten war.

Stets gab es Passanten, die sich über die Redner lustig machten. Das war hier nicht der Fall. Der junge Mann redete mit Feuer und Überzeugungskraft vom Kampf gegen den Krieg, gegen den Hunger, er redete von einer neuen Welt ohne die alten Herrschaftsstrukturen. Keiner unter den Marktbesuchern konnte sich vorstellen, dass nach nur 23 Jahren Deutschland zerstört und unter Besatzungsherrschaft stehen würde. Dass es von seinen jüdischen Landsleuten fast alle durch Mord und Auswanderung verloren hatte und für alle Zeiten, wie es schien, "besudelt stand unter den Völkern". Auch der junge Prophet konnte das nicht wissen, obwohl er ahnte, was kommen könnte, wenn man eine entscheidende Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens vergaß, die Achtung der Freiheit des anderen. Er sollte später einmal schreiben: "Die Freiheit als gesellschaftszeugendes und gesellschaftserhaltendes Prinzip erkennend, wird es klar, daß jeder Eingriff in ihre Bezirke und jede Zerstörung persönlicher oder gesellschaftlicher Freiheiten Angriffe auf den Bestand der Gesellschaft selbst darstellen."

Der am 17. Februar 1892 in Berlin als dreizehntes Kind der Familie Plivier geborene Theodor (der seinen Nachnamen 1933 in Plievier änderte), begann nach dem Schulbesuch eine Lehre als Maurer, wanderte durch Deutschland, Österreich-Ungarn und die Niederlande und wurde Matrose auf einem Handelsschiff, arbeitete in Chile in den Salpeterminen, lernte Spanisch und Englisch und las alles, was ihm zugänglich war. Zurück in Deutschland wurde er zu Kriegsbeginn 1914 Matrose auf dem Hilfskreuzer "Wolf" und beteiligte sich zu Kriegsende an den revolutionären Unruhen in Wilhelmshaven, die sich schließlich zum Kieler Matrosenaufstand und zur Novemberrevolution entwickelten. Plievier hatte zu schreiben begonnen, war Mitbegründer des anarchistischen "Verlags der Zwölf" und las Bakunin und Nietzsche. Plievier war mit Käthe Kollwitz bekannt und wurde von ihr gezeichnet. Er sammelte Geld für die Hungernden im nachrevolutionären Russland. Im Jahre 1923 starben zwei seiner drei Kinder, die er mit seiner Frau, der Schauspielerin Maria Stoz hatte. Nach seiner Scheidung von Maria Stoz heiratete Plievier 1931 die Schauspielerin Hildegard Piscator, die geschiedene Frau des Regisseurs Erwin Piscator. Im Jahre 1929 erschien sein erster Roman, "Des Kaisers Kulis", der eine kompromisslose Absage an Krieg und Militärismus war. Damit wurde der Autor über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Dieses Buch wurde von den Nazis nach der Machtergreifung 1933 mit vielen anderen verbrannt. Plievier und seine Frau emigrierten in die Sowjetunion, wo Plievier 1943 Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland wurde. Im Jahre 1945 erschien sein dokumentarischer Roman "Stalingrad" im Aufbau-Verlag Berlin. Für dieses Buch durfte Plievier, auch durch Vermittlung Johannes R. Bechers, deutsche Kriegsgefangene befragen und sowjetische Akten einsehen. Viele bezeichnen diesen Roman als das eindringlichste Buch über die Schlacht von Stalingrad. Es wurde in 14 Sprachen übersetzt und war Plieviers erfolgreichstes Werk.

Im Jahre 1945 reiste Plievier mit seiner Frau in die Sowjetische Besatzungszone, nach Weimar, wo er als Vertreter des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" tätig war und auch Teilhaber des Gustav-Kiepenheuer-Verlages wurde. Wie sich dem "Örtlichen Fernsprechteilnehmer-Verzeichnis" Weimar, Ausgabe 1947, entnehmen lässt, wohnte Plievier im Malerstieg 11. Es war das Haus des 1945 erschossenen ehemaligen Kreisleiters der NSDAP, Franz Hoffmann. (Dieser hatte am 20. Juli 1944 ein Besatzungsmitglied eines über der Gemarkung Wohlsborn bei Weimar abgeschossenen amerikanischen Bombers ermordet.)

Da Plievier mit der sich abzeichnenden politischen Entwicklung in Ostdeutschland nicht einverstanden war, verließ er 1948 die Sowjetische Besatzungszone und arbeitete in Westdeutschland als freier Schriftsteller. Von da an war er persona non grata in der SBZ und später in der DDR. Er wurde als Verräter bezeichnet, der ein gefülltes Bankkonto (was er in Westdeutschland gar nicht besaß) dem Arbeiter- und Bauernland vorzog. "Stalingrad", das bis 1948 in hunderttausenden von Exemplaren in Ostdeutschland gedruckt worden war, wurde von nun an totgeschwiegen, wie auch die beiden anderen Romane seiner Kriegstrilogie, "Moskau" (1952) und "Berlin" (1954). In Westdeutschland wurde er auf Grund seines Buches "Stalingrad" von bestimmten Kreisen als Verräter an der deutschen Wehrmacht denunziert. Noch 1963 behauptete der Generalinspekteur der Bundeswehr, "Stalingrad" sei 1944 vom "damaligen sowjetischen Schriftsteller in sowjetischem Auftrag" geschrieben worden. (Dagegen spricht allein die Tatsache, dass das Buch in der Sowjetunion damals nicht veröffentlicht wurde.)

In der DDR erschien das Buch erst wieder im Jahre 1984, mit einem Nachwort von Hermann Kant, in dem dieser einerseits die politische und literarische Leistung Plieviers würdigt, ihm aber andererseits nicht verzeihen kann, dass er über Freiheit und Demokratie anderer Meinung war als er selbst.

Im Jahre 1953 verließ Plievier mit seiner dritten Ehefrau Westdeutschland und ließ sich in Avegno (Tessin) nieder, wo er am 12. März 1955 im Alter von 63 Jahren starb.

Den Stil des dokumentarischen Romans, den Plievier ausgezeichnet beherrschte und mit dessen Hilfe er die gewaltigen Stoffmassen aufbereitete, lernt man am besten in der genannten Kriegstrilogie kennen. Für die Weimarer Leser sind die Kapitel von "Berlin", die sich mit den Verhältnissen in Weimar und Thüringen in den ersten Jahren nach 1945 befassen, besonders interessant.

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Quellen:

Plievier, Theodor. Moskau. 2003. Roman. Herausgegeben von Hans-Harald Müller. Mit einem Nachwort von Ulrich Baron. Köln: Kiepenheuer & Witsch

Plievier, Theodor. 1998. Berlin. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans-Harald Müller. Eltville am Rhein: Bechtermünzverlag

Plievier, Theodor. 1984. 10. Auflage. Stalingrad. Roman. Mit einem Nachwort von Hermann Kant. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag

Plievier, Theodor. 1946. Stalingrad. Roman. Berlin: Aufbau-Verlag

Wilde, Harry. 1965. Theodor Plievier. Nullpunkt der Freiheit. Biographie. Klagenfurt: Eduard Kaiser Verlag

Foto: Quelle Deutsche Fotothek