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Der Drachenprinz.
Geschichten aus der Mitte Deutschlands.
Bertuch-Verlag Weimar 2004

Marschall Ney in Weimar

Marschall Ney in Weimar

Florian Russi

Der Mann, der Goethes Ehe zu verantworten hat.

Was der Weimarer Etikette, tratschenden Mitbürgern, vielen Bettfreuden und dem heranwachsenden Sohn August nicht gelang, das schaffte unwissend und ungewollt ein Böttscherssohn aus der Biergasse 13 in Saarlouis. Er brachte den Hagestolz Goethe dazu, seine langjährige Haus- und Bettgefährtin Christiane Vulpius zu heiraten. Die Geschichte entwickelte sich folgendermaßen:

Marschall Ney in der Schlacht
Marschall Ney in der Schlacht

Michel Ney (1769-1815) war einer der bedeutendsten Marschälle des Franzosenkaisers Napoleon. Der Kaiser, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts halb Europa eroberte, nannte den gebürtigen Saarländer den „Tapfersten der Tapferen".

Vier Tage nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, in der die Franzosen im Jahr 1806 die Armeen der Preußen und Sachsen geschlagen hatten, rückte Napoleon mit seinen Soldaten in Weimar ein. Er selbst drang ins Schloss vor, wo Louise, die Frau des abwesenden Herzogs Carl August, ihm entgegentrat und ihn darauf hinwies, dass ihre Schwiegertochter, Maria Pawlowna, eine Schwester des amtierenden russischen Zaren Alexander I. war. Mit dem wollte Napoleon zu dieser Zeit ein Bündnis schließen. So verzichtete er darauf, das Weimarer Schloss plündern zu lassen. Stattdessen ließ er einen anderen seiner Marschälle, Joachim Napoleon Murat im Schloss Quartier beziehen. Für Michel Ney, der einen wesentlichen Anteil an dem Sieg von Jena und Auerstedt hatte, war eine Unterkunft im Hause Goethes am Frauenplan vorgesehen. So jedenfalls ließ es Goethe seiner Familie mitteilen. Es war eine hohe Auszeichnung. Napoleon verehrte Goethe und soll dessen „Werther" - Roman sogar bei seinen Feldzügen mit sich geführt haben.

Doch der sonst eher bescheidene Marschall Ney war offenbar eifersüchtig darauf, dass Murat, Kollege und Rivale in der Gunst Napoleons, im Schloss Einzug halten durfte. [1] Er verzichtete auf die Möglichkeit, Gast und Gesprächspartner eines Genies der Weltliteratur zu sein und bestand darauf, sich im repräsentativen Weimarer Rathaus einquartieren zu können.
Sakristei der Jakobskirche in Weimar (Außenansicht)
Sakristei der Jakobskirche in Weimar (Außenansicht)

Das hatte zur Folge, dass Goethes Wohnhaus ungeschützt war und französische Soldaten dort eindringen konnten. Diesen stellte sich todesmutig Christiane Vulpius entgegen. Sie muss die marodierenden Soldaten so beeindruckt haben, dass sie davon abließen, die Wohnung auszurauben und Goethes Leben zu gefährden. Beeindruckt und dankbar entschloss sich der Dichterfürst, seine treue Gefährtin zu heiraten. Wenige Tage später, am 19. Oktober 1806 wurde die Ehe in der Sakristei der Jakobskirche geschlossen. Als Datum ließ Goethe in die Eheringe den 14. Oktober eingravieren. Es war der Tag von Christianes heldenhaftem Auftreten.

Zur Ehrenrettung Neys aber sei ergänzt, dass er das Anwesen Martin Wielands bewachen ließ und damit einen anderen Weimarer Klassiker vor Unheil bewahrte.

 

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 [1] Die Rivalität der Marschälle Ney und Murat hinderte deren Urenkel Joachim Napoleon Murat (1856-1932) und Marie Cecile Michelle Ney d´ Elchingen (1867-1960) nicht daran, im Jahr 1884 die Ehe miteinander einzugehen.

Quellen:
- Ernst Klitscher, Michel Ney, Soldat der Revolution - Marschall des Kaisers, Buchverlag Saarbrücker Zeitung, Saarbrücken 1993 

Bilder:
- Vorschaubild: Marschall Ney Wikipedia, gemeinfrei
- Bild oben rechts: Marschall Ney in der Schlacht Wikipedia,gemeinfrei
- Foto "Sakristei der Jakobskirche": Florian Russi