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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Ein Gespräch mit Sigrid Hebestreit

Ein Gespräch mit Sigrid Hebestreit

Sebastian Keßler

Irgendwann im 13. Semester meines Studiums begann ich, mir die Portraits in den Staufenbiel-Magazinen genauer anzusehen. Denn während ich noch über den Campus flanierte, eroberten spätere Jahrgänge bereits die Chefetagen der Republik. Die Karriere fest im Blick brachten sie ohne Probleme Familie, Hobbies, soziales Engagement und Beruf unter einen Hut. Selbigen konnte ich nur ziehen und mich insgeheim fragen, wie sie das wohl schaffen?

Sigrid Hebestreit war keine 30 Jahre, als sie die Verantwortung für 1.200 Mitarbeiter und 230 Millionen Mark Umsatz übernahm. Über Nacht wurde sie zur Vorstandsvorsitzenden der Konsumgenossenschaft Weimar. Zuvor hatte die zweifache Mutter eine Lehre bei der Genossenschaft absolviert, Betriebswirtschaft studiert und sich von einer Sachbearbeiterin im Personalwesen zur stellvertretenden Filialbereichsdirektorin hochgearbeitet. Heute sitzen wir uns gegenüber und eine Frage brennt mir unter den Nägeln: Frau Hebestreit, wie haben Sie das nur geschafft?

Natürlich musste sie ihr Leben umstellen. Die Verbindung von Beruf und Familie war mit viel Planung und so manchem Opfer verbunden. Das alles, so erzählt sie mir, hätte sie ohne den richtigen Partner an ihrer Seite nicht geschafft. An langen Arbeitstagen und auf Dienstreisen brauchte sie die Gewissheit, dass ihr Mann die Kinder gut versorgt. Die wenige Zeit mit der Familie wollte sie umso intensiver genießen. Überhaupt ist die Familie für Sigrid Hebestreit ein Rückhalt und ihr größtes Glück.

Ob ihr die Entscheidung leicht gefallen ist? Sigrid Hebestreit lächelt. Sie hatte ja nur eine Nacht Zeit, darüber nachzudenken. Ein Kuschelposten war der Vorstand der Konsumgenossenschaft jedenfalls nicht. Jahre der Misswirtschaft hatten das Unternehmen tief in die roten Zahlen getrieben. Unter den 193 Konsumgenossenschaften wartete Weimar regelm&aumauml;ßig mit den schlechtesten Ergebnissen auf. Vor dieser Tatsache konnte auch in der sozialistischen Planwirtschaft niemand die Augen verschließen. 1984 musste der Vorstand schließlich seinen Posten räumen, ohne dass ein Nachfolger in Sicht war.

Sigrid Hebestreit nahm die Herausforderung an. Die finanzielle Situation war schwierig. Dennoch lüftete sie den Mantel des Schweigens. Jeder im Unternehmen, vom Buchhalter bis zum Lageristen, sollte die aktuellen Zahlen kennen. Umsatz, Gewinn und Inventurdifferenzen wurden wichtige Kennzahlen für alle Mitarbeiter. Das ist bis heute so geblieben.

Hart, so sagt Sigrid Hebestreit, waren die ersten Monate nach der Wiedervereinigung. Rund 800 Mitarbeitern musste sie die Kündigung aussprechen. Die Schicksale haben sie sehr bewegt, doch sie hatte keine andere Möglichkeit. Während sich andere Konsumgenossenschaften auflösten oder in den Konkurs gingen, kämpfte Sigrid Hebestreit um das Überleben des Weimarer Traditionsunternehmens. 1873 gegründet hatte die Konsumgenossenschaft Weimar immerhin vier Staatsformen, sieben Währungen und zwei Weltkriege überlebt.

Zum Glück arbeiteten auch in den alten Bundesländern einige Konsumgenossenschaften sehr erfolgreich.  Zu ihnen gehört der 1927 gegründete Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften, besser bekannt unter dem Markennamen REWE. Gemeinsam mit dem großen Bruder gründete Sigrid Hebestreit die REWE Konsum Weimar GmbH und sicherte damit den Fortbestand ihrer eigenen Genossenschaft.

Ich blicke auf die Uhr. Vierzig Minuten plaudern wir schon, doch Sigrid Hebestreit wirkt entspannt. Sie hat sich Zeit für unser Gespräch genommen. Der nächste Termin ist erst am Nachmittag, Telefonate werden an ihre Assistentin umgeleitet und den Rechner hat sie erst gar nicht eingeschaltet. Kann man so ein Unternehmen mit 800 Mitarbeitern führen? Sie kann!

Jeder im Unternehmen kennt seinen Aufgabenbereich und die Zahlen, für die er verantwortlich ist. Wer sich einsetzt, lernbereit ist und Verantwortung  übernimmt, dem eröffnen sich zahlreiche Entwicklungschancen. Sigrid Hebestreit erinnert sich auch an andere Zeiten, in denen Kundenberater mit Regalen voll unverkäuflichen Waren konfrontiert wurden. Heute dürfen die Verkäufer mit entscheiden, welche Kollektionen geordert werden. Schließlich kennen sie die Wünsche der Konsum-Kunden am besten.

Es ist alles eine Frage der Unternehmenskultur und die hat Sigrid Hebestreit maßgeblich mit geprägt. Wie würde sie sich wohl selbst beschreiben? Als offen und ehrlich zu anderen Menschen. Als kulturell interessiert und sportbegeistert. Als reiselustig und heimatverbunden. Sie ist Unternehmerin und Familienmensch. Sie benutzt eben ihren Kopf und ihre Boxhandschuhe, sagt sie, zeigt auf ein Paar Fäustlinge an der Wand und lacht. Vielleicht sind gerade diese unterschiedlichen Eigenschaften für den Erfolg von Sigrid Hebestreit verantwortlich.

Welcher Eigenschaft zu verdanken ist, dass heute fast 20% am Umsatz mit dem Modelabel Gerry Weber erzielt werden? Das habe sie einen Zufall zu verdanken, gesteht Sigrid Hebestreit ein. Als Sie Gerhard Weber bei einer Veranstaltung persönlich begegnete, packte sie die Gelegenheit beim Schopf. Im März 2006 öffnete das erste House of Gerry Weber in Erfurt seine Ladentüren.

„Wir können alles was zu eng ist mit dem Schlagbohrer weiten, können glücklich sein und trotzdem Konzerne leiten". Ich erinnere mich an diese Liedzeilen von den Helden und finde, sie passen zu Sigrid Hebestreit, die ihre Genossenschaft in ein Netz aus Kooperationen eingebettet hat. Viele Weimarer Hotels lassen ihre Mitarbeiter in Geothe- und Schillerkaufhaus einkleiden. Dafür liegen in den Gastbetrieben Flyer der Konsum Genossenschaft aus. Mit einem Schmunzeln erzähl Sigrid Hebestreit von einem Ehepaar, dass noch auf dem Weg vom Hotel ins Kaufhaus heftigen stritt. Schuldbewusst musste die Gattin eingestehen, dass sie den Smoking für den gemeinsamen Opernabend vergessen hatte. Ein Problem, dass mit einem Glas Sekt und freundlicher Beratung schnell gelöst werden konnte.

Der Abschied naht. Ich habe eine humorvolle und bodenständige Managerin kennengelernt, die mir viel über die Geschichte ihres Unternehmens erzählt hat. Zum Schluss möchte ich noch wissen, was die Zukunft wohl bringt? Auf jeden Fall ein moderneres, übersichtlicheres und kundenfreundlicheres Schiller-Kaufhauses. Der Umbau ist logistisch und finanziell ein Großprojekt. Das oberste Ziel bleibt dabei auch in Zukunft die Sicherung von Arbeitsplätzen in der Region. Um das zu erreichen hat Sigrid Hebestreit ein Instrument aus ihren Lehrjahren beibehalten: Den Weg in die Zukunft weist damals wie heute der 5-Jahrs-Plan.

 

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Fotos: Konsumgenossenschaft Weimar e. G.