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Hans Christian Andersen

Hans Christian Andersen

Christoph Werner

Hans Bader, meine Leserinnen und Leser, hat für Sie einen schönen Beitrag über Hans Christian Andersen geschrieben, den Sie unter folgendem Link lesen können: http://www.weimar-lese.de/index.php?article_id=173

Da ich einige Tage in Kopenhagen gewesen bin, möchte ich Sie an weiteren Gedanken und Bildern teilhaben lassen.

An der Promenade Langelinie finden wir das bekannteste Werk des Bildhauers Edvard Eriksen, „Den lille Havfrue" oder „Die kleine Meerjungfrau". Es wurde hier auf einem großen runden Felsen am 23. August 1913 aufgestellt, und man hat Mühe, zu einem Foto zu kommen, da viele Touristen sich ebenfalls in diesem Augenblick ein Bild machen wollen. Nach meinem Empfinden ist „Die kleine Meerjungfrau" neben der Geschichte „Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" eines der wundersamsten Märchen des dänischen Reisedichters. Es vereint in vermeintlich kindlicher Anschauung alles so typisch Andersensche, die bunten Bilder, die ewige Sehnsucht, die unendliche Liebe und den schmerzhaften, aber am Ende belohnten Verzicht.

Andersen-Statue am Rathausplatz in Kopenhagen
Andersen-Statue am Rathausplatz in Kopenhagen

Bei seinen Märchen, anders als in seinen anderen Werken, gelang Andersen auf sprachlicher Ebene eine entscheidende Neuerung: Er wollte, dass man „im Stil den Erzähler höre".

Darin unterscheiden sich seine Märchen deutlich von den traditionellen „geschriebenen" Märchen der Brüder Grimm und der Romantiker. Im übrigen lehnte sich Andersen eng an das Volksmärchen an, ersetzte jedoch dessen schlichtes magisches Weltbild durch eine von dem Physiker Ørsted, einem der Freunde und Förderer Andersens, propagierte pantheistische Sicht, die ihm „die Gesetze der Natur als die Gedanken der Gottheit selbst und die bloße Wirklichkeit als ein Wunder" erscheinen ließ.

Die Statue der kleinen Meerjungfrau, ein Meisterwerk an Zartheit und Liebreiz, ist zum Wahrzeichen Kopenhagens geworden. Da wundert es nicht, dass alle Kopenhagener und die Freunde Andersens in aller Welt in Aufruhr gerieten, als die Figur eines Morgens im Jahr 1964 enthauptet dasaß. Obwohl die Kopenhagener Mordkommission in die Ermittlungen eingeschaltet wurde, konnten weder der Originalkopf noch die Übeltäter ausfindig gemacht werden. So musste der Kopf nachgegossen werden.

Andersen Geburtshaus in Odense
Andersen Geburtshaus in Odense

Die Verbindung Hans Christian Andersens mit Weimar besteht nicht allein in der Freundschaft mit dem Großherzog Carl Alexander. Auch in dem Märchen „Des Hagestolzen Nachtmütze" werden Thüringen, Eisenach, die Wartburg und Weimar als die Orte, an die sich der alte Hagestolz Anton an seinem Lebensende mit Sehnsucht erinnert, ins Gedanken- und Märchenspiel gebracht. Anton, der in der Hyskenstraede, der „Straße der Häuschen" in Kopenhagen lebt, wird sich gegen Ende seines Lebens immer stärker des Wertes und der Schönheit der Heimat bewusst, weil sie eben die Heimat ist und der Ort seiner ersten und unverlierbaren Liebe, die er beide aber nur noch in seinen Sterbeträumen wiedersehen wird.

Wunderbar ist der dänische Buchenwald!" sagte man, aber wunderbarer ragte für Anton der Buchenwald in der Gegend um die Wartburg auf; riesiger und ehrwürdiger erschienen ihm die alten Eichen oben um die stolze Ritterburg, wo die Schlingpflanzen über die steinernen Blöcke des Felsens herabhingen; süßer dufteten die Blüten der Apfelbäume dort als im dänischen Land; ganz lebhaft fühlte und spürte er es noch ...

Andersen war ein vielspältiger, egozentrischer, theatralischer, leidenschaftlich-gefühlvoller und dazu noch hypochondrischer Mensch. Nicht jeder Zeitgenosse konnte sich lange seiner Gegenwart aussetzen. Charles Dickens, den Andersen zum zweiten Mal im Jahre 1857 in England besuchte, hatte mit einem zweiwöchigen Aufenthalt des damals bereits berühmten dänischen Märchendichters gerechnet, musste sich nun aber damit abfinden, dass Andersen fünf Wochen blieb. Als der Gast schließlich abgereist war, befestigte Dickens eine Karte an einem Spiegel des Ankleidezimmers, auf der zu lesen stand: „Hans Andersen hat fünf Wochen in diesem Zimmer geschlafen - es kam der Familie vor, als seien es Jahrzehnte gewesen."

Doch das ist nicht wichtig und schnell vergessen. Geblieben sind uns Märchen, die nach der Bibel das Werk bilden, das am häufigsten in andere Sprachen übersetzt wurde.

Andersens Grab auf dem Assistens Kirkegard
Andersens Grab auf dem Assistens Kirkegard

Fünfzig Jahre nach Andersens Tod besuchte Egon Erwin Kisch sein Grab auf dem Assistens Kirkegard und sprach danach von dem „feinen Satiriker, dessen vermeintliche Märchen wir den Kindern zu lesen geben, weil die Erwachsenen sie nicht verstehen."

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Literatur:

Andersen, Hans Christian. 2003. Sämtliche Märchen. Düsseldorf: Albatros Verlag

Sonnenberg, Ulrich. 1996. Hans Christian Andersens Kopenhagen. Ein Reise- und Lesebuch. Frankfurt am Main: Schöffling und Co. Verlagsbuchhandlung GmbH

Andersen, Hans Christian. 2003. Hans Christian Andersen Tagebücher. 1825-1875. Herausgegeben und übersetzt von Gisela Perlet. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag.

Ackroyd, Peter. 1991. (1990). Dickens. A biography of Charles Dickens by Peter Ackroyd. Toronto: Stewart House

Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Das 23-bändige Werk auf einer CD-ROM. 2002.  München: Systhema in der United Soft Media Verlag GmbH  

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Fotos: Christoph Werner

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