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Jürgen Klose
Kennst du Friedrich Schiller?

Ein kreativer Querkopf mit allerlei Flausen scheint Schiller wohl gewesen zu sein, wenn man ihn mal ganz ohne Pathos betrachtet.

Friedrich Justin Bertuch

Friedrich Justin Bertuch

Uta Plisch

Friedrich Johann Justin Bertuch kommt am 30.9.1747 in Weimar als Sohn eines Garnisonsarztes zur Welt. Mit 15 ist er bereits Vollwaise. Er wächst mittellos im Haus eines Onkels auf. Nach dem Besuch des Weimarer Gymnasiums studiert er Theologie und Rechtswissenschaften. Nebenbei beschäftigt er sich mit Literatur und Naturwissenschaften. Mit 22 Jahren bricht er sein Studium ab und wird Hauslehrer bei dem ehemaligen spanischen Gesandten Frhr. Ludwig Heinrich Bachoff von Echt in Altenburg. Von ihm lernt Bertuch spanisch, und das so gut, dass er 1774 den "Don Quichotte" in deutscher Sprache im Eigenverlag herausbringt. Er kommt in Kontakt mit dem Dichter Christoph Martin Wieland, der den „Teutschen Merkur" herausbringt, und wird dessen Mitarbeiter. Durch einen „Sozietätskontrakt" wird er Teilhaber Wielands und erhält ein Drittel des Reinerlöses der Zeitschrift.

Bertuch, der früh erkennt, dass aus ihm nie ein großer Schriftsteller wird, besinnt sich auf seine Stärken. Heute würde man ihn als Kapitalist der ersten Stunde bezeichnen. Er wird ein erfolgreicher Unternehmer und betätigt sich auf vielen Gebieten. Er spiegelt so die ganze Bandbreite der lebendigen Kultur Weimars um 1800 wider.

Bertuch 7 Weltwunder
Bertuch 7 Weltwunder
1774 konzipiert er die Zeichenschule in Weimar, die dann nach seinen Ideen eingerichtet wird. Sie wird sich später als sehr wichtig herausstellen, denn in ihr werden die Kupferstiche hergestellt, die Bertuch für seine Kinderbuch-Enzyklopädie benötigt.

Auf Empfehlung von Wieland, der 1772 Prinzenerzieher geworden war, beruft Herzog Karl August Bertuch 1775 zum Geheimen Sekretär und Schatullenverwalter. Dieser bleibt bis 1787 im Staatsdienst.
Am 7.11.1775 holt der junge Herzog den Frankfurter Juristen und durch seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther" (1774) bereits weltberühmten Dichter Johann Wolfgang von Goethe nach Weimar. Goethe bietet Bertuch das brüderliche Du an. Es wird keine dauerhafte Freundschaft werden (siehe weiter unten).

1777 nimmt Bertuch den großen Baumgarten in Erbpacht und baut dort das eindrucksvolle Anwesen, in dem heute das Stadtmuseum untergebracht ist. Es ist fester Bestandteil der Stadtführungen in Weimar.

1782 entsteht in seinem Haus eine Fabrik für künstliche Blumen, um die „leider unbeschäftigten Mädchen der mittleren Classen heilsamer Arbeit zuzuführen". Unter diesen Mädchen ist auch eine Christiane Vulpius, spätere Frau von Goethe.. Die künstlichen Blumen finden in Deutschland reißenden Absatz. Frau von Goethe gehört zu seinen begeisterten Kundinnen.

1791 wird das „Landes-Industrie-Comptoir" gegründet, ein einzigartiges Industrieunternehmen, in welchem verschiedene Produktionszweige eng zusammenarbeiten. Für Bertuch ist es wichtig, Arbeitsplätze zu schaffen, um damit den Menschen einen gewissen Wohlstand zu garantieren. Hier setzt er den Gedanken der sozialen Marktwirtschaft in die Tat um.

„Ich verstehe unter Landes-Industrie-Institut eine gemeinnützige öffentliche oder Privat-Anstalt, die sichs zum einzigen Zwecke macht, teils die Natur-Reichtümer ihrer Provinz aufzusuchen und ihre Kultur zu befördern, teil den Kunstfleiß ihrer Einwohner zu beleben, zu leiten und zu vervollkommnen. Am besten und für das Land am wohltätigsten werden alle dergleichen Unternehmungen durch kaufmännische Societäten oder sogenannte Aktien-Gesellschaften oder, wenn ihr Objekt nicht so groß ist, bloß durch einen tätigen und geschickten Privat-Mann gemacht."

Diesen Privat-Mann verkörpert Bertuch in perfekter Weise. Zu dem Comptoir gesellen sich nach und nach eine Papier- und Farbenmühle, die Buchdruckerei, eine kartografische Abteilung, die sich 1804 als „Geographisches Institut" selbstständig macht, u. a. m.

Bertuch Goldfische
Bertuch Goldfische
Bertuch selbst bezeichnet sich als literarischen Geburtshelfer. Er unterstützt die erste Goethe-Ausgabe bei Göschen finanziell, verlegt erfolgreich die „Allgemeine Literatur-Zeitung" seit 1785 und gibt von 1786 bis 1827 das „Journal des Luxus und der Moden" zusammen mit dem Maler und Kupferstecher Georg Melchior Kraus heraus (42 Bde). Dies ist die erste Illustrierte in Europa, die über Mode, Schmuck, Interieur und technische Erfindungen verständlich und belehrend berichtet.

Er entwickelt seinen Verlag zu einem der größten im damaligen Deutschland. Er verlegt im Laufe seines Lebens etwa 2000 Werke, Bücher wie Zeitschriften.

1790 beginnt Bertuch mit seinem größten Buchprojekt, dem „Bilderbuch für Kinder". Er schreibt:
„Ein Bilderbuch ist für eine Kinderstube ein ebenso wesentliches und noch unentbehrlichres Meuble als die Wiege, die Puppe, oder das Steckenpferd."

Die Auflage beträgt 3.000 Exemplare. Das Werk erscheint in Lieferungen, um den Bezug auch für einen kleineren Geldbeutel möglich zu machen. Dennoch beläuft sich schließlich der Preis der bis 1830 erschienenen 237 Lieferungen mit ihren 1185 kolorierten Kupfern, einschließlich des 24-bändigen Begleitwerks Funkes mit seinen über 15.000 Seiten, auf rund 125 Taler. Ein Maurer verdiente damals (bei 304 Arbeitstagen) 72 Taler. Später kostete das Werk im Antiquariatsbuchhandel etwa 30.000.- DM.

Mit Bertuchs „Bilderbuch" entsteht das erste, enzyklopädisch ausgerichtete natur- und weltkundliche Sachbuch. Für uns ist es eine unschätzbare kulturgeschichtliche Quelle.

Außerdem übersetzt Bertuch Romane und Gedichte, bringt medizinische Veröffentlichungen, kurzum , er macht für ein breites Publikum Kultur zugänglich.

Bertuch ist nun der größte Arbeitgeber in Weimar. Er beschäftigt zeitweise über 450 Leute, mit einer jährlichen Gehaltssumme von 27.000 Talern. Sein eigenes Gehalt beläuft sich auf 3000 Taler und entspricht dem des Ministers Goethe.

Der erfolgreiche Unternehmer Bertuch, der Verleger und Publizist, der sich für Meinungsfreiheit und bürgerliche Rechte einsetzt, bleibt ein Fremdkörper in der kleinen Residenzstadt Weimar. Goethe, der auch schrecklich reaktionär sein konnte, besteht bei Zeitungsberichten über seine Theaterarbeit auf Vorzensur. Er entzieht Bertuch das vertrauliche Du aus Jugendtagen und macht sich zusammen mit Schiller in den Xenien über ihn lustig. Es mag sein, dass sie dem Kaufmann Bertuch den großen materiellen Besitz neideten, den dieser angehäuft hatte.

Bertuch Fabelwesen
Bertuch Fabelwesen
Seine letzten Lebensjahre verbringt Bertuch zurückgezogen. Er stirbt am 3. April 1822. Die Grabrede, an der Goethe wesentlich mitgearbeitet hat, hält Friedrich von Müller, Kanzler des Herzogtums Sachsen-Weimar (Auszug):

„Ein langes, thaten- und seegensreiches Leben ist geschlossen, ein fester, kräftiger Wille, der nach allen Richtungen menschlicher Thätigkeit, von frühester Jugend herauf bis zum spätesten Alter, gemeinnützige Zwecke rastlos und glücklich verfolgte, hat für unsere Kreise zu wirken aufgehört.

Um den zärtlich liebevollen Familienvater weinen tiefgebeugte Kinder und Enkel, um den warmen, redlichen Freund die Verbündeten seines Geistes und Herzens: den unermüdlichen Bürger klagt die Stadt, klagt das Vaterland, unser erhabenes Fürstenhaus den treuen, innigst anhänglichen Diener!"

... Von früher Zeit her unserem Maurerbunde eingeweiht, hat er dessen reinmenschliche Zwecke mit eigenthümlicher Lebendigkeit erfasst und mit jeder persönlichen Aufopferung unermüdet verfolgt.

Ihm verdanken wir die Wiedererweckung unserer Loge Amalia, und unzählige Stunden des reinsten geistigen Genusses. Tief gerührt sprechen wir es aus, hier am offenen Grabe, wo jede Schmeichelei verstummt: Er war eine der schönsten Zierden, eine der treuesten Stützen unseres Bundes ..."

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Bilder von Friedrich Justin Bertuch aus dem "Bilderbuch für Kinder" (von oben nach unten): Weltwunder, Fabelwesen, Fische