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Ohm Krüger

Ohm Krüger

Christoph Werner

In einem Beitrag über Caroline Jagemann, liebe Leserinnen und Leser, habe ich Sie schon einmal auf den Herderplatz geführt, den ich einen der stadtgeschichtlich und städtebaulich interessantesten Plätze Weimars nannte.

Heute bitte ich Sie, von den Stufen des Eingangs zur Herderkirche über den Platz hinweg einen Blick auf das Haus Herderplatz 3 zu werfen.

Als das Putz- und Modewarengeschäft Adolph Winkler hier im Jahre 1901 einzog, war das Gebäude noch als einer der alten Ritterhöfe erkennbar, wie sie in der anschließenden Rittergasse zu finden waren. Der Torbogen mit dem zweiflügeligen und schön restaurierten Holztor erinnert heute noch an die ehemalige Nutzung.

Ohm Krueger am Fenster
Ohm Krueger am Fenster
Adolph Winkler, der das Gebäude für seine Zwecke umbauen ließ, war ein Verehrer des Burengenerals und Präsidenten der Südafrikanischen Republik Stephanus Johannes Paulus Krüger (auf Afrikaans Kruger) und ließ deshalb über dem Fenster des ersten Obergeschosses dessen Büste anbringen. Die Gesichtszüge von Ohm Krüger oder Oom Paul, wie er volkstümlich genannt wurde, sind von der Straße aus nicht einfach zu erkennen.

Paul Krüger wurde im Jahre 1825 auf einer Farm in der Kapprovinz geboren, wanderte 1834 mit den Buren nach Natal, dann nach dem Oranjegebiet und schließlich im Jahre 1848 nach Transvaal und wurde hier im Krieg gegen England Oberkommandierender der Buren. Im Jahre 1883 wurde er zum Präsidenten der Südafrikanischen Republik gewählt. Als nach dem Ausbruch des Zweiten Burenkrieges (1899-1902) die englischen Truppen einen großen Teil von Transvaal erobert und Pretoria besetzt hatten, übertrug Krüger die Regierung seinem Vizepräsidenten und ging nach Europa, um dort vor allem in Frankreich für den Kampf der Buren zu werben. Er hatte jedoch weder bei der französischen Regierung noch bei Kaiser Wilhelm II. oder Zar Nikolaus II., die ihn nicht einmal empfingen, Erfolg. Krüger verbrachte seine letzten Lebensjahre in den Niederlanden, wo er 1904 starb. Er wurde in Pretoria beigesetzt. Sein Name lebt heute fort im Krüger-Nationalpark in Transvaal, den er 1898 gründete und in der sog. Krügerdepesche. Das war ein Glückwunschtelegramm Kaiser Wilhelms II. vom 3. Januar 1896 nach der Niederschlagung des Jameson Raids, eines Einfalls britischer Freischärler und anderer Bewaffneter in die
Südafrikanische Republik, von dem sich übrigens die britische Regierung distanzierte.

Die Krügerdepesche, mit der das deutsche Reich eine militärpolitisch nicht einlösbare Beschützerrolle für die Burenrepublik zu übernehmen schien, galt in der britischen Öffentlichkeit als feindseliger Akt, löste im Deutschen Reich antibritische Emotionen aus und verschärfte den Konflikt zwischen der Südafrikanischen Republik und Großbritannien. Sie war außerdem ein Glied in der Kette außenpolitischer Torheiten, mit denen die deutsche Regierung und der deutsche Kaiser nach dem Rücktritt Bismarcks die Beziehungen zwischen Deutschland, England und Frankreich beeinträchtigten.

Wenn man, meine Leserinnen und Leser, mit aufmerksamen Augen durch Weimar geht, so entdeckt man manche weltpolitische Beziehung, die man hier so ohne weiteres gar nicht vermutet.

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Fotos: Christoph Werner