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Scheinbares und Unscheinbares

Scheinbares und Unscheinbares

Christoph Werner

Bertuchhaus
Bertuchhaus
Nehmen wir an, liebe Leserinnen und Leser, Sie haben sich im CaféLaden in der Karlstraße gestärkt und wollen noch einen kleinen Entdeckungsspaziergang der anderen Art unternehmen, bei dem das klassische Weimar einmal am Rande oder vielmehr hinter uns bleibt.

Folgen Sie mir nach links in den „Graben", um dann in die Karl-Liebknecht-Straße, also nach rechts, einzubiegen. Das Haus von Friedrich Justin Bertuch auf der linken Straßenseite können wir nicht einfach links liegen lassen. Dazu ist es zu groß und bedeutungsvoll. Für Schiller war das mehrgliedrige klassizistische Wohn- und Geschäftshaus „eines der schönsten Häuser der Stadt". Man muss sich etwas Zeit nehmen und das Haus von der anderen Straßenseite in Ruhe in Augenschein nehmen, um die Großartigkeit dieses früher Landes Industrie Comtoir genannten Gebäudes genießen zu können. Früher, das heißt, als das Haus gebaut wurde, hieß die Straße „Am Baumgarten" nach dem großen Gelände, das hinter dem Landesindustriecomptoir lag (wundern Sie sich bitte nicht über die unterschiedlichen Schreibweisen, man legte der Einheitlichkeit der Schriftsprache damals noch keinen so großen Wert bei wie heute) und im Westen vom Asbach begrenzt wurde. Heute befindet sich dort der Weimarhallenpark. Der Asbach bildete praktisch die westliche Grenze Weimars.

Friedrich Justin Bertuch war ein großer Unternehmer, Buchhändler und Schriftsteller, und von bleibendem Interesse für die Sitten- und Kulturgeschichte zur Zeit der französischen Revolution und des Kaiserreichs ist das von ihm und Kraus ab 1786 herausgegebene „Journal des Luxus und der Moden".

Mit einigem Stolz trägt heute der Bertuch-Verlag Weimar, dem Sie u. a. diese Weimar Skizzen verdanken, den Namen des verdienstvollen Mannes und sieht sich in seiner Tradition sozialer Verantwortung.

Wir lösen uns vom Bertuchhaus, in dem seit 1954 das Stadtmuseum untergebracht ist, und gelangen zu der großen Kreuzung Weimarplatz/Friedensstraße, die wir überqueren und dabei mit abgewendetem Gesicht möglichst schnell an den von gottverlassenen Personen verantworteten blaugrünen Betonklötzen einer neugeschaffenen Grünanlage vorübergehen.
Für Bertuch (1747-1822) befinden wir uns jetzt bereits außerhalb der Stadt, vorm Jacobs Thor.

Das Atrium mit der großen grünen Wiese über dem unterirdischen Parkhaus bleibt rechts zurück und wir gelangen am Neuen Museum vorbei zum Rathenauplatz.
Wenn wir den Platz schräg in Richtung Osten überqueren, gelangen wir zu einer kleineren Wiese, zwischen Rathenauplatz und Brennerstraße, die das eigentliche Ziel unseres Entdeckungsspazierganges sein sollte. Das Bertuchhaus hat uns etwas abgelenkt.

Gingko
Gingko
Auf der Wiese steht ein ca. 10 Meter hoher Ginkgobaum mit einer schwarzen Marmortafel zu seinen Füßen. Man erschrickt zuerst, es sieht so feierlich aus, dass man Trauriges vermutet. Weimar hat schließlich von Schönem und Schlimmem viel. Aber für dieses Mal werden wir angenehm enttäuscht. Die Tafel trägt die Inschrift: Dieser Ginkgobaum wurde anlässlich des ersten Besuches der Karnevalsgesellschaft Rot-Weiß Ehrang aus unserer Partnerstadt Trier im Mai 1990 gepflanzt.

Sie, meine Leserinnen und Leser, denken doch jetzt nicht etwa den unbedrohten Gedanken „Na und?" Wo sich doch hier eine Welt der Geschichte, der Zeitgeschichte, der nationalen Ereignisse auftut, die ihresgleichen sucht. Wie das Jahr auf der Zunge zergeht, Neunzehnhundertneunzig. Noch im vorigen Jahrhundert. Mai 1990. Vor siebzehn Jahren.
Lothar de Maizière war unser Ministerpräsident, und wir hatten noch Mark der Deutschen Demokratischen Republik. Oder wie hieß sie noch? Ich meine die Mark, nicht die Deutsche Demokratische Republik. Oder hatten wir doch schon „Westgeld"? Wann war die „Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion"? So lange her, man muss nachschauen.

Wir stehen vor dem Stein, der an den ersten Besuch der Karnevalsgesellschaft Rot-Weiß Ehrang aus unserer Partnerschaft Trier erinnert und werden zugleich melancholisch und froh.
Melancholisch, weil das Vergehen der Zeit und des eigenen Lebens so sichtbar wird, und froh, weil seitdem so viel von unserer Stadt erhalten, aufgefrischt und neugeschaffen und sie insgesamt gesehen zu einem demokratischen Gemeinwesen wurde. Das Neue Museum hinter uns z. B. wurde auf einer Stadtkarte von 1990 noch als Ruine bezeichnet. Und schauen Sie sich das Gebäude jetzt an.

Trier, früher für uns eine sagenhafte Stadt in einem sagenhaften Land, Rheinland-Pfalz. Und genau so fremd waren wir den Trierern früher. Trier, uns immerhin bekannt als die Geburtsstadt des Karl Marx, dessen wirklichkeitsfremde Lehre viel bewirkt und verwirkt hat.

Trier, bereits im 3. Jahrhundert nach Christus Residenz römischer Kaiser, erinnert durch seinen Namen an den keltischen Stamm der Treverer, und ist nicht nur der Geburtsort von Karl Marx, sondern auch der Arbeitsort Frank Meyers, des Autors des Buches „Raum 101, Geschichten für Männer", das im Bertuch-Verlag neu aufgelegt wurde und immer mehr Leser und vor allem Leserinnen findet.

Zurück zum Ginkgo-Baum und der Gedenktafel. Jetzt, während unseres Besuches Mitte März am Spätnachmittag, schickt sich die Sonne an, hinter dem großen Gebäude am Rathenau-Platz/Ecke Carl-August-Allee unterzugehen. Hier befand sich bis vor kurzem das Sophiengymnasium. Jetzt ist eine Berufsschule in dem Gebäude untergebracht. Das Sophiengymnasium wurde wie das Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasium im Jahre 2006 aufgelöst. Beide Schulen gingen ein in die Neugründung des Humboldt-Gymnasiums am Standort des ehemaligen Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasiums in Weimar-West, Prager Straße. Ist Ihnen das zu kompliziert? In Weimar liegen nun mal die Dinge nicht immer so einfach, auch nicht in Bezug auf die Zusammenlegung oder Umbenennung oder Umsetzung von Schulen. Die Namensgeberin des ehemaligen Sophiengymnasiums, Wilhelmine Marie Sophie Luise, Prinzessin der Niederlande und seit 1842 vermählt mit Karl Alexander August
Johann, Großherzog von Sachsen-Weimar, werden wir nicht vergessen und bald in einer eigenen Weimar Skizze vorstellen. Sie hat es um Weimar verdient.

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Vorschaubild: Seitenausschnitt aus "Flora Japonica, Sectio Prima" (1870)

Fotos: Christoph Werner