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Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Der Weg zum Schuhmacher

Der Weg zum Schuhmacher

Lotta von Kiesel

Es gibt zwei Möglichkeiten von unserer Anhöhe ins Städtchen zu kommen - rechts herum führt die Wilhelm-Külz-Straße an noblen Villen vorüber, jede mit herrlichen architektonischen Details versehen. Auf dieser Seite hatten sich Ottmar Gerster, Komponist, Professor und Rektor an der Weimarer Musikhochschule, sowie der Maler Wassily Kandinsky mit Ehefrau niedergelassen. Als armer Bauhäusler lebt er bescheiden und möbliert in der zweiten Etage.

Kurz darauf stoße ich auf die Cranachstraße.Schnell einen Blick nach rechts. „Guten Morgen du weiße, weise Eule dort oben am Haus Nr. 12!" Der bedeutende Architekt Rudolf Zapfe, „Fassaderich" genannt und Mitglied der „Schlaraffia", die den Uhu zum Sinnbild erwählt hatten, schuf es. Der Botaniker Joseph Bornemüller, Enkel des Joseph Meyer (Meyers Lexikon), bezog es. Noch heute bilden seine Sammlungen den wertvollsten Bestand des Herbariums Berlin-Dahlem. Oft nehme ich diesen kurzen, östlichen Weg der Cranachstraße. Wie Hans-guck-in-die-Luft turne ich von einer zur anderen Straßenseite, denn je höher man schaut, umso größer ist das Staunen, was sich da wieder Herr Zapfe einfallen ließ und das gleich für sieben Häuser!

Heute jedoch nehme ich den Weg in Richtung Humboldtstraße, vorbei an Frau Dr. Mathilde Wagners Villa, der ersten approbierten Ärztin Deutschlands und engen Freundin von Elisabeth Förster-Nietzsche. Naja, man wohnt ja auch fast in Sichtweite. Überhaupt, hier in der Humboldtstraße tummeln sich so einige starke Frauen: In der Nr. 59 Lil Dagover (natürlich Zapfe-Haus) und weiter unten, wo die Humboldtstraße mit der Windmühlenstraße zusammenstößt wohnt in der Nr. 2 Emmy Sonnemann, eine der meistbeschäftigten Schauspielerinnen am DNT und späteren Frau des Hermann Göring.

Ich lasse den westlichen Teil der Cranachstraße zu meiner Linken liegen. Für eine Aufwartung im Haus des eleganten Förderers der europäischen Moderne, Harry Graf Kessler, ist es noch zu früh am Morgen. Ebenso werden die Herren Feininger und Schoner noch der Ruhe pflegen. Was, Sie wissen nichts mit dem Namen Engelbert Schoner anzufangen? Tier- und Pflanzenmaler ist er, aber weltbekannt wird er mit seinen Briefmarken (1945: Weihnachtsblock, 1946: Wiederaufbau des DNT, 1949: Goethe-Jubiläum).
Übrigens, das ist hier eine richtige van-de-Velde-Ecke: Bei Friedrich Nietzsche, Harry Graf Kessler, im Palais Dürckheim, beim Grafen Henneberg und von Münchhausen konnte er sich austoben.

Los, trödle nicht! Ich sause an der Nr. 19 vorbei. Zapfe erfüllte hier den Wunsch von Horst von Henning auf Schönhoff nach würdevoller Eleganz. Martin Donndorf, Sohn des Schöpfers des Reiterstandbildes von Carl August wird Mieter der zweiten Etage.
In der Nr. 21 lebt und arbeitet Rudolf Zapfe in seinem eigenen Haus und bringt mit drei technischen Zeichnern und einer Sekretärin mehr als 400 Häuser und fünf Kirchen zu Papier.


Verdammt! Schon wieder hat so ein Graffitischmierer zugeschlagen! Wahrscheinlich hat er noch nie in seinem Leben etwas von Humperdinck und „Hänsel und Gretel" gehört und schon gar nicht, dass die Schwägerin des Hausherren Dr. Wette, der übrigens mit der Tochter vom Jenaer Physiker Ernst Abbe verheiratet war, das Opernlibretto geschrieben hat.

Mein Ziel ist erreicht, 10 Minuten Weg liegen hinter mir, aber welche Fülle an wunderbaren Eindrücken konnte ich genießen!

Haben Sie auch solch einen schönen Weg zum Schuster?

 

 

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Fotos: Karla Augusta