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Der Bettnässer

Florian Russi

Russi thematisiert in seinem neuen, einfühlsamen Roman die gesellschaftlichen und psychischen Probleme eines Jungen, dessen Leben von Unsicherheit und Angst geprägt ist.

Rezepturen für Weimars Prominente

Rezepturen für Weimars Prominente

Florian Russi

Die Leiden von Carl August, Herzogin Luise, August von Goethe, Herder und Nietzsche.

In den Annalen der beiden ältesten Weimarer Apotheken, der Hofapotheke am Markt- und der Löwenapotheke am Goetheplatz finden sich Rezepte und Rechnungen, die Aufschluss über die Krankheiten ihrer prominenten Kunden geben. Sie beweisen aber auch, dass Johann Wolfgang von Goethe nicht der Egozentriker war, wie er von einigen Literaturwissenschaftlern dargestellt wird. In den Archiven der Löwenapotheke findet sich eine Rechnung, die belegt dass der Geheimrat in den Jahren 1816 und 1817 Mixturen im Wert von 23 Talern für die mittellosen Bewohner des damaligen „Siechenhauses" aus eigenen Mitteln beglichen hat.
Erzherzog Carl August wurde zwischen 1804 und 1809, also zwischen seinem 47. Und 52. Lebensjahr unter anderem mit folgenden Medikamenten beliefert:
  • Schwefelsäure und feingeriebene Kreide für wöchentliche Bäder 
  • Spiritus zum Einreiben und Schierlingspflaster gegen Rheuma 
  • Isländisches Moos gegen Durchfall und Melisse gegen Darmstörungen
  • Senfmehl zu Fußbädern gegen Hauterkrankungen und Fußpilz
  • Mundwasser gegen Mundgeruch
Außerdem verlangte Carl August nach krampfstillendem Hämorrhoidenpulver, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie oft er mit der Kutsche über holprige Wege fahren musste.
Großherzogin Luise, Carl Augusts Frau, erhielt aus der Apotheke:
  • Visural Elixier gegen Erkrankungen der Eingeweide
  • Pfefferminze, Joulardisches Wasser, Carlsbader Salz und Kümmel gegen Magen-, Leber-, Galle- und Darmerkrankungen
  • Mittel gegen Schlafstörungen
  • Außerdem eine Reihe von Kosmetika
Interessant ist für uns auch, dass der große Gelehrte, Autor und Generalsuperintendent Johann Gottfried Herder erotische Stimulanzien aus der Apotheke bezog.
 
Bevor Goethes Sohn August als 40-jähriger zu seiner letzten Reise (er starb am 27. Oktober 1830 in Rom) aufbrach, deckte er sich in der Löwenapotheke mit Mitteln gegen die Seekrankheit ein. Die Schifffahrt von Genua nach Rom soll er gut überstanden haben. Ebenfalls aus der Löwenapotheke erhielt der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) in seinem letzten Lebensjahr, das er in Obhut seiner Schwester in Weimar verbrachte, ein Mittel, welches zu dieser Zeit gegen die Syphilis eingesetzt wurde. Ein wirksames Medikament gegen diese Krankheit wurde leider erst viele Jahre später erfunden.
 
Uns geben diese Aufzeichnungen den Beleg dafür, dass auch die Generationen vor uns mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten und die Krankheiten nicht vor den Fürstenhöfen halt machten.

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Literatur: Hofapotheke Weimar (Hrsg.), Die Hofapotheke zu Weimar, Weimar, 5.
Auflage
Dr. Horst Lüdde (Hrsg.), Die Löwenapotheke, ein Kapitel Kulturgeschichte in Weimar, (Text: Prof. Dr. Marie-Elisabeth Lüdde, Weimar, 2012)

Vorschaubild: In der Apotheke, 1508, gemeinfrei