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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Ludwig Bechstein
Bechsteins Wohnhaus in Meiningen
Bechsteins Wohnhaus in Meiningen

Eigentlich wurde das Kind auf die Namen Louis Clairant Hubert getauft, nach dem Vater, einem vorübergehend in Deutschland lebenden Offizier namens Louis Hubert Dupontreau, den der kleine Louis jedoch niemals sah. So beginnt das Leben Ludwig Bechsteins in Weimar als eine ärmliche Kindheit bei Pflegeeltern. Erst als der Knabe neun Jahre alt war, nimmt ihn ein Verwandter, „Onkel" genannt, Lehrer am berühmten Salzmannschen Institut in Schnepfenthal, dann Gründer und Direktor einer Forstlehranstalt bei Meiningen, zu sich, bietet ihm Heim und Ausbildung. Er wird Apothekengehilfe, doch ihn zieht es zur Literatur. Ludwig Bechstein wird Bibliothekar und Archivar in Meiningen. Er baut sich mit großen Schulden ein Haus, sammelt Bücher, liest, hört den Leuten zu und schreibt.

Die Tagesordnung eines Gelehrten - Ludwig Bechstein wird eine anerkannte Autorität der Literaturkritik (Nicht jeder Literaturkritiker ist auch ein Gelehrter!) und in der Altertumsforschung - schildert er in seinem Brief an seinen Freund Adolf Bube, den Direktor des herzoglichen Kunstkabinetts in Gotha: Er, Bechstein, steht zwischen fünf und sechs Uhr auf, arbeitet beim Kaffee. „Dann gehe ich in den Garten herunter, füttere die Nachtigallen und die Grasmücken ...", liest Briefe und Zeitungen, frühstückt und schreibt. Zwölf Uhr ist Mittag. „Am Nachmittag gehe ich einige Stunden auf das Archiv ..." „Ich lebe so außerordentlich zufrieden, ..., noch zufriedener aber würde ich leben, wenn ich etwas bessere Einnahmen hätte. Da sitzt der Knoten." Ihm fehle, so in einer unvollendet gebliebenen Biografie, „die Begabung ..., Aufhebens vom Gelde zu machen."

Dafür schreibt er, zeichnet Märchen auf, deren Sammlungen für ihn ein Volksbuch im besten Sinne sind.

Bechstein-Brunnen in Meiningen
Bechstein-Brunnen in Meiningen

In seiner Schrift „Mythe, Sage, Märe und Fabel im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes" (1865) heißt es, dass der Vortrag des echten Märchens „einfach sein (müsse), sein Stil gleich fern von Schwulst, Pathos, Blümelei und Weinerlichkeit; frei von romanhafter Verwickelung und Einschachtelung ...". Zum Kinde „reden Tiere und Kinder reden zu Tieren und erwarten Antwort von ihnen". Das „deutsche Märchengebiet", schreibt er im Vorwort zur 12. Auflage von „Ludwig Bechsteins Märchenbuch", ist „ein Eldorado der Poesie, die im Volke lebt, im Volke widerhallt und die in den jungen Geschlechtern ihren Kindheitsmorgen verklärt und ihren Pfad mit Sternen und Blumen bestreut, an welche die Erinnerung unvergeßlich bleibt durch das ganze Leben."

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Literatur:
Ludwig Bechsteins Märchenbuch. (1988) Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag
Walther Killy (1989): Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Band 1. Bertelsmann Lexikon Verlag

Bild oben: unbekannter Maler
Fotos: Wikimedia Commons, Michael Benz