Lese-Reihe

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.weimar-lese.de

Weiterempfehlen

Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach

Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach

Anette Huber-Kemmesies

Bild einer modernen Frau

Herzogin Anna Amalia (1739–1807) war eine Welfin. In ihren Adern floss das Blut Heinrich des Löwen (* um 1130, † um 1195). Sie gehörte also einem traditionsreichen Adelsgeschlecht an, und Adel verpflichtet. So wurde sie schon als Vierjährige, zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Caroline von dem Theologen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem auf Schloss Wolfenbüttel im Hauptfach Religion unterrichtet, ab 1748 dann vom Lehrer Kirchmann in den übrigen Fächern, also Sprachen - Amalia sprach und schrieb Zeit ihres Lebens besser Französisch als Deutsch - Rechnen, Schreiben, Geographie, Politik und Geschichte, sowie musische Künste. Es kam auch ein für den Adel durchaus modernes und neuartiges Fach hinzu: Hauswirtschaft. Die Geschwister aber hätten nicht unterschiedlicher sein können: Caroline drängte sich, nicht zuletzt durch ihre gewitzte Klugheit, sondern auch durch ihre Schönheit und selbstsicheres Auftreten regelrecht in den Vordergrund, was sie Amalia auch spüren ließ. Doch nicht nur durch ihre Schwester wurde sie in den Schatten gestellt, sondern auch durch die Familie selbst. In ihrer späteren kleinen Autobiographie von 1774 schrieb sie, wie ungeliebt sie sich fühlte, dass sie „Ausschuß der Natur" und von ihrer Großmutter „unansehnlich" genannt wurde. Sie entwickelte einen gewissen „Starrsinn" und Stolz, zog sich in sich selbst zurück. Dennoch tat sie „so viel wie möglich nach meinem Sinn." Nur Jerusalem schien ihr wahres Gemüt zu kennen. Zum Anlass ihrer Konfirmation schrieb er im Jahre 1754: „Sie hat die brillante Lebhaftigkeit nicht, aber eben den soliden Verstand, die feine Empfindung, das edle Herz. Ihr Geist hat die Zeit nicht gehabt, sich schon völlig zu entwickeln. Sie fängt erst an, in der großen Welt zu erscheinen [...]." Und wie sie erscheinen wird.

Der Zeitpunkt kam schneller als Jerusalem, mittlerweile Abt, wahrscheinlich gedacht hätte, denn mit der arrangierten Heirat mit dem 18-jährigen Ernst August Constantin von Sachsen-Weimar- Eisenach (1737–1758) im Jahre 1756, kam ihre Chance, dem elterlichen Hause zu entfliehen. Eine eingerichtete Ehe war nicht unüblich und umso schöner war es, dass die jungen Leute sich zusätzlich zueinander hingezogen fühlten. Die Ehe wurde am 16. März geschlossen, verbunden mit einem schillernden, viertägigen Fest. Am 20. März brachen die Eheleute nach Weimar auf. Ernst August Constantins Vater, Herzog Ernst August (1688 - 1748) hinterließ seinem Sohn ein verschuldetes und zerklüftetes 36 Quadratmeilen großes Herzogtum mit ca. 100.000 Einwohnern. Weimar selbst war derzeitig nur ein Ackerburgstädtchen; die Bevölkerung zählte 6.000 Menschen. Die Stadt war mit einer inneren und äußeren Mauer befestigt, sodass Passanten außerhalb der Öffnungszeiten der Stadttore Wegezoll leisten mussten. Weimar war in einem unansehnlichen Zustand und nur den Markt schmückten die im 16. Jahrhundert errichteten Stadthäuser. Selbst Anna Amalias Mitgift von 1800 Talern und das Vermögen des jungen Herzogs konnten gegen die hohe Verschuldung nichts ausrichten.

Ein weiterer Schlag traf die Stadt kurze Zeit später, denn der Siebenjährige Krieg fand auch vor ihren Toren statt. Es war der 3. September des Jahres 1757 an dem Dragoner das Zeughaus durch Plünderung seiner Waffen entledigten. Trotz der Schatten dieses Tages erblickte ein Kind die Welt: der Erbprinz Carl August, Anna Amalias und des Herzogs erstgeborener Sohn. Sieg und Niederlage gingen an diesem Tag Hand in Hand, denn einerseits war die Weimarer Streitmacht um ihre Ausrüstung bestohlen worden, andererseits war durch die Geburt eines gesunden Jungen der Fortbestand des Fürstenhauses Sachsen- Weimar- Eisenach gesichert. Dem Elternpaar blieben aber nur wenige gemeinsame freudige Stunden mit ihrem Sohn, denn schon am 28. Mai 1758 starb der Herzog. Nicht nur der Tod ihres Gemahls traf sie schwer, sondern auch die Sorge um das Herzogtum, denn ein Regent oder eine Regentin war erst mit dem 21. Lebensjahr volljährig, d.h. sie war weder Vormund ihrer zwei Söhne - am 8. September brachte sie ihr zweites Kind, Prinz Friedrich Ferdinand Constantin, zur Welt - noch herrschaftsberechtigt. Es gab aber schon damals die Möglichkeit, sich für volljährig erklären zu lassen, und so geschah es auch am 1. August 1758, nicht zuletzt durch die Durchsetzungskraft der künftigen Herzogin.

Nun stand sie da: als Witwe mit zwei kleinen Kindern trug sie die ganze Last eines verschuldeten Landes allein auf ihrem Rücken, und versuchte nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Ihr wurde schnell bewusst, dass sie die Fülle der Regierungsaufgaben nicht allein bewältigen konnte. Auch war ihr klar, dass sie nicht von jedem die Unterstützung bekam, die sie benötigte und so entließ sie als erstes den treulosen Ersten Minister Graf Brünau. Als Kabinettsekretär stellte sie Karl Christian Kotzebue an, der sich vor allem durch seine Verschwiegenheit auszeichnete. Durch ihre Familie wurde sie nun endlich auch unterstützt: Amalias Vater sandte den braunschweigischen Vizekanzler von Praun als Lehrmeister in Sachen Regierungsgeschäfte. Um alle anderen Ämter wie das Geheime Concilium, das Jakob Friedrich von Fritsch ab 1762 leitete, zu besetzen, wurden die Beamten von der Herzogin selbst auf Verlässlichkeit geprüft. Eine der wichtigsten Aufgaben aber übernahm die Herzogin selbst: die Kontrolle der Staatsfinanzen. Das lag vor allem an ihrem Misstrauen gegenüber fremden Menschen, oder wie es ihr Bruder Friedrich August von Braunschweig- Wolfenbüttel 1759 ausdrückte: „Anna Amalias Seele ist männlich. Sie ist sehr peinlich in der Wahl der Freunde; aber denen, die sie geprüft hat, hält sie die Treue. Sie hört den Rat erfahrener Leute, doch sie wird nicht zu deren Sklave." Eine äußerst wichtige Eigenschaft in einem verschuldeten und zerrütteten Land. Ob sie aber in den Jahren ihrer Amtszeit von Korruption unberührt blieb, sei dahingestellt.

Die Steuererhöhung, die Amalia einführte, stieß natürlich auf Gegenwehr, die aber nichts nutzte. Die Tatsache, dass viele Existenzen durch immense Steuerschulden zerstört wurden, gehört sicherlich nicht zu den ruhmreichsten Leistungen der Herzogin. Doch entwickelte sich Weimar unter Amalias Herrschaft auch zu seinem Vorteil, denn zu den Verdiensten der Herzogin gehörte, dass sie schon ab 1758 die inneren und äußeren Mauern niederreißen und die Straßen mit deren Steinen befestigen ließ, wodurch die heutige Schillerstraße entstand. Zum Schutz der Einwohner erließ sie eine Feuerschutzversicherung und optimierte das Abwassersystem; zur Förderung der geistigen Kompetenzen verbesserte sie das Schulwesen. Doch das bis in heutige Zeit bekannteste Projekt war wohl der Umzug der herzoglichen Bibliothek in das Grüne Schloss, der künftigen Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (ab 1991), die auch für die Bürgerschaft zugänglich war.

Was Amalia zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte war, dass am 6. Mai 1774 das Schloss brennen sollte, wobei wohl auch die gesamte Büchersammlung dem Feuer zum Opfer gefallen wäre. Die offizielle Ursache lautete: Brand durch Blitzschlag; böse Zungen aber behaupteten, es wäre ein Rachefeldzug der Bürger aufgrund des Steuersystems gewesen.

Eine wichtige Aufgabe, die die Herzogin nicht nur den Pädagogen überlassen wollte, war die Erziehung ihrer Kinder. Die Brüder August und Constantin aber waren so verschieden, wie sie und ihre Schwester Caroline: der Erste war auch immer in Allem erster, glänzte mit Gewitztheit und Klugheit, aber auch mit Überheblichkeit. Constantin hingegen war ein Träumer, etwas zerstreut und herzlich. Anna Amalia war, eben weil sie ihre Kinder so sehr liebte, immer bestrebt, an allen Dingen der Erziehung teilzuhaben und konnte die Entwicklung der Sprösslinge mit ansehen. Sie war aber nicht unbedingt um den zerbrechlichen und etwas kränklichen Constantin besorgt, sondern um den aufsässigen Erbprinzen. Ein strengerer Pädagoge musste her und so entschied sie sich für Christoph Martin Wieland (1733–1813), der sein Amt am Fürstenhof im Sommer 1773 antrat. Er erwies sich als sehr zugänglich und als Freigeist, was die Kinder sehr mochten. Doch wurden sie schon ein Jahr später getrennt und Constantin kam unter die Fittiche des Goetheschen „Urfreundes" Carl Ludwig von Knebel.

Wieland wusste Ernst August zu zügeln, doch seine Mutter kam gegen ihn nicht an. Er war ihr gegenüber aufsässiger als je zuvor, wohl auch weil er wusste, dass er der rechtmäßige Herrscher des Landes war. Im Zuge der Zeit gab Anna Amalia auf und übertrug ihrem Sohn an seinem 18. Geburtstag das Amt des Herzogs. Er wurde durch eine Urkunde vorzeitig für mündig erklärt. Doch zog sie sich nicht zurück, sondern blieb in der Residenz.

Als Witwe zog sie es vor, nicht wieder zu heiraten, denn die Regelung des Ehevertrags sah vor, dass sie bei vorzeitigem Ableben ihres Mannes und einer Wiedervermählung die Vormundschaft für ihre Kinder verlöre und auf einen beträchtlichen Teil ihres Witwengeldes verzichten müsste.
Der Witwenhofstaat der Herzogin Mutter belief sich auf ca. 40 Personen, die zu ihrer Geselligkeit und geistigen Betätigung beitrugen; und darauf am Ende verzichten zu müssen, obwohl die Herzoginmutter umgeben von Verehrern war, kam ihr nicht in den Sinn. Im Gegenteil: Sie zog es vor, in Geselliger Runde zu verweilen und an den verschiedensten Aktivitäten teilzunehmen. Zu den Leidenschaften dieser vielseitigen Frau zählte das Lernen weiterer Sprachen - Amalia sprach am Ende sechs Sprachen fließend - Lesen, Theater, bildende Kunst und Musik. Auch umgab sie sich oft und gerne mit Persönlichkeiten wie Goethe, Wieland, Hufeland und Herder, die sie inspirierten. Eine ihrer vertrautesten Personen war die Gesellschafterin Luise von Göchhausen. Diese enge Verbindung der beiden Frauen blieb nicht unbemerkt, und so schrieb der Bibliothekar Carl Ludwig Fernow im Jahre 1804, dass die Göchhausen eigentlich auch am 10. April 1807 der Tod ereilte „sie war nur noch nicht gestorben. Amaliens Tod war auch der ihre..." Und nur fünf Monate nach Amaliens Tod starb auch sie. Im Nachlass der Göchhausen befand sich eine letzte, von ihr verfasste Abschrift des Goetheschen „Urfaust", und so ist es ihr zu verdanken, dass er der Nachwelt zugänglich ist.

Der junge Goethe und die Herzoginmutter hatten ein enges Verhältnis zueinander, wohl auch durch die gemeinsame Liebe zu Literatur und Theater. Im sogenannten „Lieberhabertheater", einer Bühne ohne festen Sitz - nach dem großen Brand nicht anders möglich - wurden Stücke von Goethe, Lessing, Schiller u.a. aufgeführt. Die gemeinsame Liebe zur Literatur bezeugen die Veranstaltungen von Leseabenden, an denen Stücke beispielsweise von Shakespeare, Lessing, Goethe und Wieland gelesen wurden. Amalia umgab sich in dieser „Tafelrunde" mit Goethe und Wieland selbst, sowie mit Charlotte von Stein, Friedrich Justin Bertuch, Johann Karl August Musäus und Friedrich Schiller.

Aber das glückliche und geistige Treiben wurde jäh getrübt: Zum einen durch den Tod ihres Sohnes Constantin im September 1793, sowie Herders (†1803) und Schillers (†1805), zum Anderen durch die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt (1806) in Weimars Nähe. Sie musste Weimar vorerst verlassen, kehrte aber Ende Oktober zurück. Und hier blieb sie bis zu ihrem Tode am 10. April 1807.

Eines der schönste Worte zu ihrem Ableben verfasste Amalias ehemaliger Bibliothekar Fernow in einem Brief an den Schriftsteller Karl August Böttiger; ein Zeugnis ihrer Verdienste und Bemühungen um die Stadt Weimar: „Unsre verehrte, unsre gute Fürstin ist nicht mehr [...]. Wir sind alle traurig und in Thränen [...]. Sie wußte den Fürsten und Menschen in sich zu vereinigen. Sie zog die besten Geister an sich, wo sie sie fand, das wird nun in Weimar nicht geschehen, und sind Wieland und Goethe einmal nicht mehr, so wird Weimars Glanz und Ruhm, den Amalia ihm erwarb, nur noch in der Geschichte leben. Wir wollen uns glücklich preisen, daß wir in dieser Zeit gelebt und diese Fürstin gekannt haben [...]."

Amalia war eine Frau von Format: immer bestrebt, Gutes zu tun, Geisteswissenschaften und Kultur zu fördern und eine liebvolle Mutter. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sie die Verschuldung Weimars nicht wett machen konnte, und, dem Adel verpflichtet, „die Machtstrukturen für gottgewollt, gerecht und ewig hielt." Trotz Allem aber bleibt sie eine der herausragenden Persönlichkeiten der Stadt - Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach war eine moderne Frau. Und diese moderne Frau hinterließ der Stadt, ganz im Sinne der geistigen Kräfte und Weisheit, das schönste Ehrenmal überhaupt: eine Bibliothek.

----
(Quelle: Christel Foerster: Mit der Herzogin Mutter hab ich sehr gute Zeiten... Ein Lebensbild der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, Buchverlag für die Frau Leipzig 2007)