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Weimar-Skizzen
Wunderschöne Ansichten der Klassikerstadt - gezeichnet von Gerhard Klein (3. Aufl. 2010, erschienen im Bertuch Verlag).
Die Thüringer Bratwurst

Die Thüringer Bratwurst

Karla Augusta

Es ist nicht nur der Frühnebel der Ilm, der sich morgens über Weimar legt - nein, erster Rauch von würziger Konsistenz zieht schon ab 7 Uhr in der Früh über den Markt von Weimar. Zwei, manchmal auch drei Buden grillen um die Wette. Jeder Einheimische schwört jeweils auf eine der drei. Aber egal, wo der Touri seine Bratwurst isst, eines haben alle Würste dank EU-Verordnung gemeinsam: 15 bis 20 Zentimeter lang müssen sie sein, mit „mittelfein" drin und Naturdarm drumherum! Was den typisch herzhaften würzigen Geschmack betrifft, hat so jeder Metzger sein eigenes kleines „Wurstgeheimnis" und um seinen ganz persönlichen Wurstfavoriten herauszuschmecken, sollte man sich ruhig von Stand zu Stand „durchfuttern".

Wann, wie und wo die Bratwurst entstanden ist, weiß keiner mehr so genau, aber viele erheben den Anspruch: In der Nähe von Jena behauptet man, die Thüringer Rostbratwurst hätte das Licht der Welt um 1400 auf einem der wöchentlich stattfindenden Bauernmärkte erblickt. Die gleiche Geschichte erzählen sich die Erfurter, natürlich auf ihre Stadt bezogen, und die Behauptung, die Thüringer Rostbratwurst sei von einem Metzger auf einem mittelalterlichen Markt zu Gotha erfunden worden, wird von allen Ansprucherhebenden in großer Einvernehmlichkeit schlichtweg als „historische Falschdarstellung" abgelehnt!

Grillen
Grillen
Wie dem auch sei, Fakt ist: Unsere heißgeliebte Bratwurst hat eine jahrhundertealte Tradition. Erstmals urkundlich erwähnt 1404 in einer Abschrift der Probstei-Rechnung des Arnstädter Jungfrauenklosters, hier steht geschrieben: „1 gr vor darme czu brotwurstin" was da heißt „1 Groschen für Bratwurstdärme".

Und wer meint, im Weimarer Staatsarchiv findet man nur die holden Worte unserer großen geistigen Köpfe, hat weit gefehlt - Hier lagern auch so profane Niederschriften wie z. B. das älteste (bekannte) Rezept einer Thüringer Rostbratwurst von 1613!

Von der Tradition der Wurst völlig unbeeindruckt war Bernd Kauffmann, ehemals Koordinator der Kulturhaupstadt Weimar 1999. Als fester kulinarischer Bestandteil auf Marktfesten und an Straßenständen präsent, war es sein großes Ziel, die Bratwurst von jeglicher Kultur fernzuhalten. Kurzerhand erließ das in die Weimarer Annalen als „Bratwurstverbot" eingegangene Bestreben, den Verkauf derselben in der Zeit „gehobener kultureller Veranstaltungen" zu unterbinden und trat damit in das größte Fettnäpfchen, das er erwischen konnte. (Bissige Zungen behaupten heute noch, dies hätte ihm als „Zugereisten" letztlich das Genick gebrochen ...) Die Rechnung hatte Bernd Kauffmann jedoch ohne die Bratwurstfans gemacht! Flugs gründete sich die Initiative „Rettet die Thüringer Bratwurst" und erreichte, dass nur bei bestimmten Veranstaltungen ein Bratverbot ausgesprochen werden konnte. Sogar der damalige Weimarer Oberbürgermeister Volkhardt Germer zeigte Flagge und erklärte die Thüringer Bratwurst zum Kultobjekt. Nichtsdestotrotz ist Weimar die einzige Stadt Thüringens, in der die Bratwurst von Amts wegen verboten werden darf!!

Und wo wir schon dabei sind; nun noch ein paar Worte zu uns Thüringern und ihrer Wurst. Ja, es ist schon so etwas wie Liebe, und Liebe geht ja nun mal bekanntlich durch den Magen. Für uns ist unsere Bratwurst nicht nur ein Lebensmittel sondern Lebensart und treibt auch ab und zu mal skurile kulinarische Blüten ... Oder habt ihr schon mal in irgendeiner anderen Region ein „Bratwurst-Carpaccio mit Honig-Senf-Dressing" gegessen ??

Genussreiches Probieren wünscht

Karla Augusta

Foto oben: www.photocase.de / Stardust
Foto unten: www.photocase.de / boing